Folkwang

PENTHESILE:A:S —

Vom griechisch-mythologischen Urstoff über Kleists’ Bruch mit der idealisierenden Antikenvorstellung seiner Zeit hin zur Aufhebung binärer Geschlechteridentitäten bei MarDi (Marie Dilasser)


Lehrende: Prof. Julia Weinreich, MarDi (Marie Dilasser), Dorothea Arnold, Fanny Bouquet

In diesem 2-tägigen Blockseminar,  welches am 31.10. sowie am 04. und 05.11.2025 stattfand, haben sich die Teilnehmenden mit dem Penthesileas Stoff beschäftigt: Ausgehend vom mythologischen Urstoff wurde mit Kleists’ Penthesileas Bearbeitung untersucht, inwiefern Kleist stilistisch und inhaltlich mit der antiken Dramenvorstellung gebrochen hat und inwiefern MarDi (Marie Dilasser) mit ihrer Penthesile:a:s-Version die Kleist’sche Tradition fortschreibt bzw. unterhöhlt, indem sie die antiken Attacken der Amazonen auf die griechischen Kerle um Achilles in die Gegenwart des Feminismus verlegt. Gemeinsam mit MarDi, den beiden Übersetzer:innen Dorothea Arnold und Fanny Bouquet, die wiederum eine ganz eigene Übertragung ins Deutsche gefunden haben, wurde die Auseinandersetzung vertieft: Wie entscheidet sich ein:e Autor:in für einen Stoff? Was ist eigentlich eine Bearbeitung, was eine Überschreibung? Welche Herausforderungen bedeutet eine Übersetzung in eine andere Sprache? Und: Was bedeutet Arbeiten im Kollektiv?

 

Bericht über den Workshop

Die Studierenden der Regieklassen 1-3 hatten Penthesile:a:s von MarDi in der Inszenierung von Sandra Hüller und Tom Schneider an den Bühnen Halle gesehen.

1. Tag
Nach einer kleinen Imaginationsübung zum Ankommen, tauschen wir uns zunächst über Fragen und Erwartungen an den Workshop aus und sprechen über die Aufführung an den Bühnen Halle. Anschließend lesen drei Student*innen den Dreiundzwanzigsten Auftritt aus Kleists Penthesilea vor. Darin schildert Meroe wie Penthesilea auf dem Schlachtfeld den waffenlosen Achilles zerfleischt. Wir diskutieren die Frage, warum Mythen neu geschrieben werden. Kleist hat die Ursprünge des Mythos der Amazonen in der Ilias bei Homer und in der Posthomerica bei Quintus von Smyrnae aufgegriffen. Unter dem Einfluss der napoleonischen Kriege Ende des 18. Anfang des 19. Jh. greift er die charakteristischen Themen der Romantik (Leidenschaft und Individualität) auf und bricht mit der klassischen Erzählstruktur.
Wir sprechen über antike Mythen, das griechische Theater und über die Betrachtung des Amazonenmythos innerhalb der Genderstudies bei Adrienne Mayor und Nicole Loraux sowie über das binäre Modell der romantischen heteronormativen Liebesbeziehung. Im Gespräch mit den Studierenden geht es um die Frage, wo
in der heutigen Zeit Kleists Erzählung noch gültig ist und wo eine Neuschreibung des Mythos ansetzen könnte.
Den Nachmittag beginnen wir mit einem Text von Ursula K. Le Guin, The Carrier Bag Theory of Fiction. Wir sprechen darüber, ob wir uns konfliktfreies Theater vorstellen können und wie es sein müsste, damit wir es spannend finden.
Zum Abschluss für Tag 1, eine Schreibübung als Vorbereitung für Tag 2: „Vom Love-Battle-Field zum Care-Battle-Field“. Die Studierenden sollen in der Sprache ihrer Wahl einen Ort beschreiben, an dem eine Begegnung von 2 Personen stattfindet und überlegen, wie diese zwei Personen aufeinander treffen. Dafür sollen sie ebenfalls in der Sprache ihrer Wahl eine Art „Zutatenliste“ an Wörtern anlegen.

2. Tag
Ein Student leitet das Aufwärmen an.
Die Studierenden lesen ihre Entwürfe vor. Wir besprechen die Vorschläge und tauschen Ideen aus, wie die Szenen weitergeschrieben werden könnten. Die Studierenden schreiben in einer 2. Runde an ihren Entwürfen weiter und lesen sie anschließend vor. Wir übersetzen sie ins Französische.
Die Feedbackrunde, weil einige früher gehen müssen, wird vorgezogen.
Wir lesen laut die Szene aus Penthesile:a:s, wenn Penthesile:a:s und Achilles zu einem Körper verschmelzen. Wir sehen Fotos der französischen Uraufführung von Penthesilé·e·s; inszeniert von Laëtitia Guédon in Frankreich, an. Sie zeigen eine fast religiöse Ästhetik, mit Kerzenschein und vielstimmigen Chorgesängen. Wir sprechen über die Arbeit an der Übersetzung und über die Herausforderungen, die inklusive Sprache, Feminisierungen sowie MarDis eigene Sprachwelt ins Deutsche zu übertragen. Thema ist auch, warum KI eine Bedrohung für die Übersetzung, für die Übersetzer*innen und für die Sprache selbst ist.
Mit einem kleinen Ausschnitt aus Penthesile:a:s, der besonders über den Klang der Sprache funktioniert, machen wir zum Abschluss eine Übersetzungsübung. Angelehnt an eine Methode aus der école traduction littéraire, entwickelt von Oliver Manoni, geht es darum, den französischen Text mehrsprachig zu übersetzen. Zum Abschluss liest, wer möchte, seinen übersetzten Text laut vor.

 

Gefördert durch den Fonds für Antidiskriminierung und Gleichstellung der Folkwang Universität der Künste