Constanza Pérez de Lara Bonatti ist Folkwang Musical-Absolventin und bewegt sich zwischen Theater, Film und eigenen Projekten. Bereits während ihres Studiums an Folkwang stand sie in Produktionen wie Titanic, Hair, Cabaret und Sweeney Todd auf der Bühne. Neben ihrer Arbeit als Performerin entwickelt sie eigene künstlerische Projekte, in denen sie sich mit weiblichen Perspektiven und gesellschaftlichen Realitäten beschäftigt. Für ihre Auseinandersetzung mit Christa Wolfs Erzählung Kassandra erhielt sie den Elke Twiesselmann-Preis 2026. Aktuell arbeitet sie für Theater, Film und internationale Produktionen wie zum Beispiel für Florentina Holzingers Seaworld Venice im Rahmen der 61. Kunstbiennale in Venedig. Für StudiScoutin Zara Krauss nahm sie sich die Zeit für ein kurzweiliges Interview.
Foto: Joachim Gern
Deine Projekte reichen von klassischen Musicals über Arbeiten der Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger bis hin zu eigenen interdisziplinären Arbeiten. Verstehst du dich als Musical-Darstellerin, Schauspielerin oder Performance-Artist?
Die Frage ist schwer zu beantworten. Am wohlsten fühle ich mich mit der Bezeichnung Schauspielerin – auch wenn das, was ich mache und was mich interessiert, weit darüber hinausgeht. Was ich aber weiß: Meine Kraft schöpfe ich aus dem Storytelling. Das muss nicht im klassischen Sinne sein, aber ich brauche einen Hintergrund und eine Intention, um mich auf der Bühne wirklich wohl zu fühlen.
Von außen höre ich von Schauspieler*innen, ich sei Sängerin – von Sänger*innen, ich sei Tänzerin – von Musical-Darsteller*innen, ich sei freie Künstlerin. Vielleicht stimmt alles und nichts zu hundert Prozent, und das ist völlig in Ordnung. Ich liebe Interdisziplinarität und interessiere mich für viele Medien und Genres.
Bereits in deiner Folkwang-Zeit warst du Teil größerer Bühnenprojekte. Welche dieser Erfahrungen haben dich nachhaltig beeindruckt?
Jede dieser Erfahrungen hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, denn sie waren schließlich meine ersten professionellen Schritte im Beruf. Ein riesiges Highlight war die Arbeit am Düsseldorfer Schauspielhaus. Ich hatte im Studium ein Szenenstudium mit André Kaczmarczyk gemacht – eine der schönsten und lehrreichsten Erfahrungen meiner Studienzeit – und er holte mich dann für seine Inszenierung von Cabaret. Es war mein erster Job, und ich war gleichzeitig aufgeregt und tief geehrt.
Am Ende meines zweiten Studienjahres arbeitete ich am Deutschen Theater München an einer Wiederaufnahme von Hair, was super intensiv war: Wir haben das gesamte Stück in elf Tagen einstudiert und dann über einen Monat lang mit 8 Shows die Woche gespielt. Hair ist ein komplettes Ensemblestück mit 41 Nummern, viel Choreo und anspruchsvollen Harmonien. Danach hatte ich das Gefühl, dass mich nichts mehr einschüchtern kann.
Sehr bedeutend war auch meine Mitwirkung bei Drag Star NRW – queere Kunst und Drag begeistern mich sehr, und im Berufsalltag habe ich leider selten Berührungspunkte damit. Und die drei Projekte des Studiengangs Physical Theatre haben mir etwas gegeben, das ich im Musical-Studium so nicht gefunden hatte: eine künstlerische Freiheit, die mich von angelernten Regeln – so wichtig diese auch sind – befreit hat.
Hast du an Folkwang prägende Begegnungen mit bestimmten Stilrichtungen oder Künstler*innen gehabt, die deinen Blick auf Kunst verändert haben?
Auf jeden Fall. Innerhalb des Studiengangs haben mich Anita Iselin und Michael Mills am stärksten geprägt – sie waren wunderbare Mentor*innen und Begleiter*innen über all die vier Jahre. Darüber hinaus bin ich mit einem ziemlich offenen Blick ins Studium gegangen und habe mich von vielen Menschen berühren und verändern lassen – Dozierende wie Mitstudierende. Natürlich gab es auch Phasen der Verunsicherung, in denen es mir dann schwerer fiel, offen zu empfangen. Aber immer wieder kam die Bewunderung zurück und die Inspiration durchs Beobachten und Mitdenken in dieser Umgebung war eine Konstante.
Bei Projekten wie „Leben Sie wohl?“ bist du auch konzeptionell beteiligt. Was bedeutet es für dich, eigene Stoffe zu entwickeln und Geschichten auf die Bühne zu bringen?
Das war ein ganz besonderer Moment für mich. Ich schätze es sehr, in meinem Beruf als Vehikel für die Ideen anderer da zu sein – aber ich trage selbst so viele Gedanken, Gefühle und Ideen in mir, die ich oft zurückstellen muss, wenn es nicht mein Werk ist.
Bei Leben Sie wohl? war es das erste Mal, dass ich ein Konzept von Grund auf entwickeln durfte: Material schaffen, recherchieren, lesen, bei der Komposition aktiv mitwirken, bei Choreografie, Kostüm, Bühnenbild, Licht – und das dann selbst auf der Bühne verkörpern. Ich bin immer noch unglaublich stolz auf dieses Projekt und hätte es gerne weitergeführt. Ich habe damit jedenfalls Blut geleckt und es wird nicht mein letztes eigenes Projekt bleiben.
Wie unterscheidet sich für dich die Arbeit vor der Kamera oder auf der Bühne?
Der größte Unterschied liegt für mich in der Größe des Spiels. Ein feiner Blick vor der Kamera kann enorme Erzählkraft haben – auf der Bühne würde ihn niemand sehen. Im Film hat man auch weniger Einfluss auf das Endprodukt: Die eigentliche Performance entsteht erst im Schnitt. Im Theater dagegen trägt man eine viel größere Eigenverantwortung – sobald man auf der Bühne steht, hat die Regie keinen Einfluss mehr darauf, was passiert. Trotzdem bin ich überzeugt, dass beide Medien voneinander profitieren. Zwischen Film und Theater zu wechseln hält einen als Schauspieler*in lebendig und flexibel.
Wo siehst du dich: Eher im Film, im Theater oder in eigenen Projekten?
In meiner Zukunftsvision mache ich alle drei und noch mehr. Dieser Beruf hat eine so spielerische Qualität, und ich möchte so viele Spiele ausprobieren wie möglich. Was mich nicht in erster Linie interessiert, ist das Medium oder das Genre – sondern das Projekt, die Vision und die Menschen, die dahinter stecken.
Ein Beitrag im Rahmen des Projekts: „Folkwang StudiScouts“.
Zara Krauss / 25. Juni 2026