Am 29. Dezember 2023 verstarb der ehemalige Folkwang Professor für Horn, Hermann Baumann, im Alter von 89 Jahren. Baumann gilt als einer der bedeutendsten Hornisten des 20. Jahrhunderts und hat zahllose junge Hornistinnen und Hornisten in ihrer künstlerischen Laufbahn geprägt. Von 1966 bis 1995 unterrichtete er an der damaligen Folkwang Hochschule, wo er 1971 zum Professor auf Lebenszeit ernannt wurde. Besonders lag ihm in all den Jahren die Förderung der individuellen künstlerischen Entwicklung seiner internationalen Studierenden am Herzen.
Foto: Kai Pohler
Seine eigene außergewöhnliche Solistenkarriere begann er 1964 mit dem ersten Preis beim ARD-Wettbewerb. Weltweit machte sich Baumann daraufhin einen Namen und arbeitete mit führenden Orchestern sowie Dirigentinnen und Dirigenten. Stellvertretend seien hier das Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur und der Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt genannt, denen er sich sehr verbunden fühlte. Baumanns Repertoire umfasste über 40 Konzerte einschließlich eigens für ihn komponierte Werke wie Hans Georg Pflügers Konzert für Horn und Orchester. Auch als Kammermusiker war er ein gefragter Partner. So wurde ihm u. a. die Uraufführung von György Ligetis Horntrio anvertraut. Vom barocken Corno da Caccia über das Naturhorn bis zu Anforderungen moderner Stücke meisterte er alle Spieltechniken der Horngattungen.
In einem persönlichen Nachruf erinnert sich der ehemalige Folkwang Student Wilhelm Bruns an seinen Lehrer Prof. Hermann Baumann:
Einem Menschen kann man begegnen oder ihm einfach nur zuhören, und schon ist man verzaubert. Bei Hermann Baumann war schon die akustische Wahrnehmung ein Erlebnis. Er hat Generationen von Hornisten geprägt und mit seiner Kunst, das Horn zu traktieren, eine ganz und gar unglaubliche Neuerung in die Welt der Musik gebracht. Und genau so ein klangliches Erlebnis hat mich zum Waldhorn und damit zu ihm als Mensch und Lehrer geführt. Seine Platteneinspielung von Bachs 1. Brandenburgischem Konzert mit Karl Richter war der Funke, der mich zum Hornisten werden ließ. Diese unerhörten Töne, diese Leichtigkeit in der Artikulation und seine unfassbare Gesanglichkeit haben bei mir die unbändige und alles verzehrende Sehnsucht geweckt, es ihm gleichzutun. 1983 stand ich ihm dann persönlich gegenüber und er sagte mir nach kurzem Vorspiel, dass ich nun Student sei. Wenige Stunden später durfte ich den ersten Unterricht genießen. Es war das größte Wunder meines Lebens. Ich blies bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur das Jagdhorn, kannte kaum Etüden oder Konzerte, und nun war ich Teil dieser unglaublichen Hornklasse. Seine Fähigkeit, mit wenigen Worten, Gesten oder kurzen Klangbeispielen auf seinem geliebten Kruspe-Horn einen produktiven und inspirierenden Unterricht zu gestalten, war legendär. Auch seine Frau Hella war Teil dieser fruchtbaren Arbeit. Sie half mit kulturhistorischem Wissen und philosophischen Gedanken zum Horn, aus dieser Hornklasse mehr als nur einen Haufen brillanter Virtuosen und Solisten zu machen. Kurz: Sie war so etwas wie die Mutter der Hornklasse. Es war einfach zauberhaft, fast magisch.
In den folgenden Jahren wurde die Klasse zu einer Art zweiten Familie für mich. Jeden Tag war man zusammen, übte fleißig und eiferte dem großen Meister nach. Wir fühlten uns als Teil von etwas ganz Besonderem. Bei aller Stringenz im Unterricht war seine Großzügigkeit schier grenzenlos. Man bekam wirklich alles von ihm. Kein Horn aus seinem reichen Fundus, welches er nicht einem seiner Eleven zur Verfügung stellte, wenn es darum ging, irgendwo auf der Welt ein Konzert oder ein Oratorium zu spielen.
Ihn zu erleben war ein Geschenk. Er war ein Schatz an Musikalität und Leidenschaft, ein Brunnen der Wahrhaftigkeit und ehrlichen Hingabe für die Werke der Komponisten. Seine bedingungslose Art, Musik zu machen, hat sicher nicht nur mich das ganze Leben hindurch begleitet. Für immer.
Wilhelm Bruns
Wilhelm Bruns studierte in den 1980er Jahren bei Herrmann Baumann an der damaligen Folkwang Hochschule. Er ist ein Spezialist auf dem Naturhorn. Von 1988 bis 2021 war er Solohornist am Nationaltheater Mannheim. Er spielt als Solist und Kammermusiker immer wieder in zahlreichen Orchestern und Ensembles, darunter Concentus Musicus Wien, Cappella Coloniensis, La Stagione Frankfurt, Amsterdam Baroque, Akademie für Alte Musik Berlin, Neue Düsseldorfer Hofmusik, Rebel (New York) oder Württembergisches Kammerorchester Heilbronn.
10. Januar 2024