Am 13. August verstarb der ehemalige und langjährige Folkwang Professor Vladimir Mendeslssohn im Alter von 71 Jahren in Den Haag. Fast ein Vierteljahrhundert bildete der Bratschist und Komponist zahlreiche Folkwang Künstler*innen aus.
Im Jahre 1991 kam Mendelssohn als Lehrbeauftragter an die damalige Folkwang Hochschule. Im Oktober desselben Jahres folgte er dem Ruf zum Professor für Viola und Kammermusik und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2015.
Foto: Stefan Bremer
In einem persönlichen Nachruf erinnert sich Niek de Groot, Folkwang Professor für Kontrabass, an seinen langjährigen Kollegen und Kammermusikpartner:
In Memoriam | VLADIMIR MENDELSSOHN | 1949 - 2021
Mit dem Tod von Vladimir Mendelssohn, Musiker, Bratschist, Komponist, Festivalleiter, Lehrer, Partner, Vater und Professor an der Folkwang Universität der Künste vom 1991 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2015, vor allem aber Homo-Universalis, oder besser gesagt Musiker-Universalis, ist ein Mensch und Freund eines Kalibers gestorben, von dem man sich glücklich schätzen kann, ihn einmal im Leben zu treffen.
Wie man an den überwältigenden Reaktionen so vieler Kolleg*innen, Studierenden und dem Publikum in den sozialen Medien ersieht, hinterließ er einen unauslöschlichen Eindruck und Einfluss auf alle, die ihn kannten und spielen hörten. So viele Musiker*innen wurden von seinen unnachahmlichen Qualitäten der Menschlichkeit und Musikalität entzündet. Dieser eine Klang, diese eine Bewegung, diese sorgfältige geprobte Strategie, die im Konzert mit einem Geniestreich vernichtet wurde, machte jede Sekunde auf und neben der Bühne mit ihm atemberaubend.
Unser erstes Treffen war im Dezember 1990, als wir versuchten, mit unseren „larger as life“ Instrumenten in einem Flugzeug in Heathrow Platz zu nehmen, stoisch aber aufmerksam, ‚immer da'. Meine völlige Lähmung und gleichzeitige Aufregung bei einem Konzert im Concertgebouw’s Kleine Zaal wenige Tage später und - als wir uns richtig kennengelernt haben - unzählige Auftritte, Festivals und Abenteuer. Schuberts Forellenquintett müssen wir mindestens 100 Mal gespielt haben „als Co-repetitoren“. Auch mit den Kollegen Bloch, Mintchev, Daniel und Cho in Essen.
Mein ewiger Dank bei meinem Berufungsverfahren für die Flasche Champagner (was jetzt endlich erzählt werden darf), die er einem Kommissionsmitglied - metaphorisch oder wirklich - überreichte, um seine Überlegungen darüber, welche Bogenhaltung heilig sei, zu befrieden.
Ich erinnere mich an die vielen Gespräche und Einlassungen nach dem Unterricht während des „Rück-flugs“ mit dem Auto. Die enorme Aufregung über die Bürokratie, die ihm im Weg stand; „Muss ich hier wirklich zwei Formulare ausfüllen, um eine Kopie anfertigen zu dürfen?“
Das rührende Staunen darüber, als vor 25 Jahren sein Kind, ihr Sohn David, geboren wurde.
Als wandelnde Enzyklopädie rund um Musik und die Zusammenhänge, die er seinen Mitmenschen darin entdecken ließ. Sein Wissen um den europäischen Bahnfahrplan, das selbst Dvořák nicht erreichen konnte. Seine unnachahmliche, aber immer interessante Auswahl betreffend Repertoire und Musiker*innen. Die stete Verpflichtung, dabei immer neue Generationen hinzuzufügen. Wobei er verständnisvoll jeden aus seiner Komfortzone herausholte. Und wahrscheinlich der einzige Musiker, der György Kurtág nach einem einzigen Vorspiel nur sagen hörte: „Sehr gut, Sie haben es verstanden“.
Und ja, sein manchmal mürrisches Auftreten, aber immer mit humorvoller sanfter Ironie und in diesem Sinne auch sein Abschied am Freitag, den dreizehnten. Es kann kein Zufall sein.
Aber vielleicht vor allem sein beharrlicher, unbedingter, jahrelanger und liebevoller Kampf, seine Frau Marika in ihrer schwächenden Krankheit zu unterstützen. Er hat sie nicht überlebt.
Vladimir Mendelssohn wird in unseren Genen weiterleben. Wir können uns sehr privilegiert fühlen, eine solche Person in unseren Reihen gehabt zu haben. Um die Worte zu paraphrasieren, die Kurt Sanderling bei einer Probe über Harnoncourt gesprochen hat: „Er hat einen großen Einfluss auf uns alle, auch auf diejenigen, die ihn nicht verstehen."
Die Traurigkeit ist groß, aber wir können uns auf die Kraft und Selbstständigkeit verlassen, die er uns beigebracht hat.
Lieber Vlady, sieh uns bitte gelegentlich von deinem „Madhouse“ an.
Niek de Groot, 16. August 2021
In Memoriam | VLADIMIR MENDELSSOHN | 1949 - 2021
With the death of Vladimir Mendelssohn, musician, violist, composer, festival leader, teacher, partner, father and professor at the Folkwang University of the Arts from 1991 until his retirement in 2015, but above all homo-universalis, or rather musician-universalis, has passed away a man and friend of a caliber that one can feel lucky to meet once in a lifetime.
Given the overwhelming reactions on social media from so many colleagues, students and audience, he left an indelible impression and influence on everyone who knew him and heard him play. So many musicians are ignited by his inimitable qualities of humanity and musicality. That one sound, that one movement, that carefully rehearsed strategy that was killed with one stroke of genius at the concert, made every second on stage and off with him breathtaking.
Our first meeting was in December 1990 when we tried to take a place on a plane at Heathrow with our 'larger than life' instruments; stoically and attentively, ‘always there'. My complete paralysis but excitement at a concert in the Concertgebouw Kleine Zaal a few days later and, when we really got to know each other, a countless number of performances, festivals and adventures. Schubert's Trout Quintet must have gone at least 100 times, “as co-repetitors”. Also with colleagues Bloch, Mintchev, Daniel and Cho in Essen.
My eternal thanks for my appointment procedure for the bottle of champagne (finally this can be said) which was given by him to a committee member, metaphorically or in real, to park his considerations about which bow-position was sacred. The many conversations and outpourings after teaching during the “flight” back home by car. The genuine uproar about bureaucracy that stood in his way: 'Do I really have to sign two forms here to be allowed to make one copy?' The touching amazement at the fact that 25 years ago his child, their son David, was born. The walking encyclopedia he was in the field of everything that had to do with music and the connections he managed to make his fellow man discover in it. His knowledge about the European railway timetable, which even Dvořák cannot match. His inimitable, but always interesting choices for repertoire and musicians. And with that the unbridled commitment to keep adding new generations. In doing so, taking everyone with the biggest understanding out of their comfort zone. And probably the only musician ever to hear György Kurtág say after playing only once for him; “Sehr gut, Sie haben es verstanden”.
And yes, his sometimes grumpy appearance, but always with the humorous soft irony and in that line also his departure on Friday the thirteenth. It can't be a coincidence.
But perhaps above all his persistent, unbridled, years of loving struggle to support his wife Marika in her debilitating illness. He did not survive her himself.
Vladimir Mendelssohn will live on in our genes. We can feel very privileged to have had such a person in our ranks. To paraphrase the words Kurt Sanderling spoke about Harnoncourt at a rehearsal: "he is a huge influence on all of us, including those who don't understand him."
The defeat is great, but we can rely on the strength and independence he has brought us.
Dear Vlady, please occasionally look at us from your “madhouse”.
Niek de Groot, 16 August 2021
19. August 2021