Folkwang

Folkwang trauert um den Schriftkünstler Volker Küster

Mit großer Betroffenheit und Trauer nehmen wir an der Folkwang Universität der Künste Abschied. Der Künstler, Typograf und Schriftgestalter Volker Küster ist am 15. November im Alter von 84 Jahren in Kleve verstorben. 

Volker Kuester c Armin Pelzer

Foto: Armin Pelzer

 

Volker Küster wurde 1941 in Wernigerode im Harz geboren und wuchs dort auf. Nach einer Schriftsetzerlehre in Wernigerode studierte er bis 1964 Grafik an der Fachschule für Angewandte Kunst in Berlin-Schöneweide und bis 1967 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Albert Kapr das Fach Schrift und Typografie. Hier fand er zu dem Feld, das ihn einen Großteil seines Lebens begleiten sollte: der Gestaltung von und mit Schrift. Im Anschluss an sein Studium bekam er an der HGB eine Lehranstellung als Aspirant und Assistent. Für die Schriftgießerei VEB Typoart Dresden, an der Albert Kapr von 1963 bis 1977 künstlerischer Leiter war, hat Volker Küster Werbung verantwortet und Schriften gestaltet.
Bis 1984 war er als freiberuflicher und mehrfach ausgezeichneter Buchgestalter (schönste Bücher) tätig.

 

1984 erfolgte seine Ausreise aus der DDR nach Hamburg, wo er von 1985 bis 1989 als Type Director und Leiter des Schriftateliers das Schriftprogramm des einstigen Fotosatzherstellers Scangraphic verantwortete. Dort war Albert-Jan Pool – heute seinerseits erfolgreicher Schriftgestalter und Schöpfer der FF DIN – von 1987 bis 1989 Assistent von Volker Küster. Hier entstand neben anderen Schriften jene Schrift, mit der sein Name heute untrennbar verbunden ist: die Today Sans Serif, eine humanistische Serifenlose, die 1988 veröffentlicht wurde. In einer Zeit, in der der Übergang von Fotosatz zu digitalen Satzsystemen die Gestaltungswelt grundlegend veränderte, schuf Volker Küster eine Schriftfamilie, die diesen Wandel verkörperte.

 

Die Schrift steht in der Tradition der europäischen Serifenlosen deren offenen Formen einen hohen Lesekomfort bieten. Ihre Proportionen sind ausgewogen und die Buchstabenformen wohl differenziert. Volker Küster erstellte die Today als originär digitale Schriftfamilie in 12 Schnitten. Sie ist und gilt weltweit als eine der gelungensten dynamischen Sans-Serif-Schriften (100 beste Schriften, FontShop). 

 

1988 erfolgte zunächst der Ruf an die Fachhochschule Hamburg, im darauffolgenden Jahr konnte die Gesamthochschule Essen Volker Küster als Universitätsprofessor für Grafikdesign, Schrift und Typografie für den Fachbereich Gestaltung gewinnen. 

 

Volker Küster war nicht nur hervorragender Schrift- und Buchgestalter, er war auch ein leidenschaftlicher Lehrer. Er nahm seine Rolle ernst und begegnete dieser Aufgabe mit Pragmatismus und Geduld. Schrift begriff er hier unter anderem als Möglichkeit Gestaltungskonzepte und Formverständnis zu schulen. Einige Generationen von Typograf*innen und Schriftgestalter*innen wurden durch Volker Küster geprägt.

 

»Volker Küster war während meines Designstudiums in Essen eine wichtige Figur für mich, da er mir die bewusste Wahrnehmung von Schrift vermittelte, und zwar als Werkzeug zur Vermittlung von Inhalten, nicht als Selbstzweck. Es ist sehr schade dass wir uns nach dem Studium nicht mehr begegnet sind, er war immer wertschätzend und offen für meinen eigensinnigen Weg. In meiner späteren Arbeit als Dozent für Typografie und Buchgestaltung habe ich womöglich später ein bisschen davon an andere weitergeben können, das hätte ihm wahrscheinlich gefallen.«
Stephan Fiedler (Buchgestalter und ehemaliger Student)

 

»Er war keiner der Schriftlehrer, die ihre Studierenden zu Epigonen machen. Eine Küster-Schule sucht man vergebens. Er hat sich angeschaut, was einzelne Studierende machen, und sie darin korrigierend unterstützt. Leise, kritisch. Substanz, eigenständige Substanz, musste der Entwurf einer Satzschrift haben, ansonsten legte er nahe, etwas Anderes zu versuchen. Vielleicht hat er auch deshalb darauf Wert gelegt, dass man Schreiben lernt, bevor man Satzschriften entwirft, und dass ein Schriftentwurf auf Selbstgeschriebenem basiert.«
Karsten Lücke (Schriftgestalter und ehemaliger Student)

 

Kurz bevor der Fachbereich 2007 in die Folkwang Universität der Künste eingegliedert wurde, wurde Volker Küster im Jahr 2006 emeritiert. 

 

Als ich ihn im Frühjahr 2017 besuchen durfte, hatte er der angewandten Schriftgestaltung und seiner Zeit als Lehrer längst den Rücken gekehrt und widmete sich inzwischen ausschließlich seiner freikünstlerischen Arbeit. Bereits ab 1994 hatte er sich in verschiedenen Zyklen künstlerischer Gesamtkonzepte mit dem Eisenguß befasst. Die Lehre und die Arbeit für und in der Hochschule ließen jedoch wenig Raum wie er sich erinnerte: » […] vor allem ich kam nicht zu MEINER Arbeit. Nach der Beendigung der Lehre konnte ich voll einsteigen und das habe ich dann auch gemacht«.

 

Für ihn war die Möglichkeit selbst künstlerisch tätig zu sein ein großes Privileg, dem er sich mit großer Hingabe nach seiner Lehrzeit widmete. Volker Küsters spätes Werk besteht in verschiedenen Werkgruppen, die ein konzeptionell geometrisch-konstruktiven Ansatz zeigen.
Sein Werk wurde in verschiedenen Ausstellungen in Werden, Magdeburg und Berlin gewürdigt.

 

»Volker Küster war ein Meister der Formen und deren Proportionen. Bei unserer ersten Begegnung war mir das noch nicht klar. Beim Working Seminar der ATypI in Hamburg im Sommer 1985 stellte sich heraus, dass wir beide an einer neuen serifenlosen Schrift arbeiteten. Wir waren uns darüber einig, dass sie, der besseren Leserlichkeit wegen, dem dynamischen Formprinzip folgen sollte. Zu meinem Erstaunen widersprach Volkers Today allen Regeln, die ich mir auferlegt hatte. Jedes ihrer Zeichen hatte seine Besonderheiten, während ich auf Gleichmäßigkeit setzte. Obwohl wir beide dasselbe Ziel verfolgten, waren unsere Ergebnisse völlig unterschiedlich. 18 Monate später wurde ich sein Assistent im Schriftatelier von Scangraphic und wurde sein Nachfolger, als er anfing zu unterrichten. 2016 besuchte ich seine Ausstellung in Berlin und lernte seine freien künstlerischen Arbeiten kennen. Eine kaleidoskopische Vielfalt geometrischer Formen wilderte herum, aber Volker hatte sie alle im Griff.«
Albert-Jan Pool (Schriftgestalter)

 

In Volker Küster verlieren wir einen hervorragenden Lehrer, einen bedeutenden Schriftgestalter, einen leidenschaftlichen Künstler und einen leisen humorvollen Freund.

 

Natascha Dell / 21. November 2025