Sonnenbrille, pinke Mütze und blauer Pulli. Ein Spaziergang am Vormittag mit einem Cappuccino in der Hand. StudiScoutin Zara Krauss traf Folkwang Absolvent und Schauspieler Simon Gierlich in Bochum, um mit ihm ins Gespräch zu kommen über die Vielfalt, Herausforderungen und Freuden seines Berufs.
Foto: Ben Knabe
Zara: Simon, dein Abschluss mit „Lead me“ an Folkwang liegt zwei Jahre zurück. Danach kamen unterschiedliche Theater- und Filmproduktionen auf Dich zu. Was waren für Dich wichtige Impulse nach Deinem Artist Diploma?
Simon: Ein paar habe ich schon vorher bekommen, da ich bereits vor meinem Abschluss in Produktionen arbeiten durfte. Nach unseren Absolvent*innenvorsprechen AVO [Vorstellungsreise des Jahrgangs u. a. nach Berlin, München; Anm. d. Autorin] habe ich ein Gast-Angebot vom Mainfranken Theater Würzburg bekommen und für eine Produktion gedreht. Nach meinem Abschluss habe ich mich auch deshalb entschieden, freischaffend zu arbeiten. Fragen zu Resilienz, Positionierung und Strategien im Job tauchten also schon vor dem Abschluss auf und waren mir wichtige Impulse.
Jetzt im Januar hattest Du Premiere mit Schillers „Maria Stuart“ am Theater Hagen. Wie hat sich die Arbeit angefühlt?
„Maria Stuart“ ist meine dritte Produktion am Theater Hagen und ich fühle mich dort am Haus sehr wertgeschätzt. Dann macht die Arbeit besondere Freude und es ist Raum, Dinge auszuprobieren und immer wieder neu anzubieten. Das geht natürlich nur im Dialog mit dem Team, da ich als Schauspieler auf die Rückmeldung von außen angewiesen bin, um mich nicht selbst zu beobachten. Wenn es mir gelingt, durchlässig zu sein und mich zur Verfügung zu stellen für die Rolle, dann öffnet sie mir eine Tür zu mir selbst, die ich vielleicht noch nicht kannte und ich teile diesen Moment mit den Zusehenden.
Meiner Rolle in „Maria Stuart“, dem Mortimer, bin ich total dankbar für die Leichtigkeit, die er mir beigebracht hat.
Genauso vielfältig sind auch Deine Projekte: von „Die Leiden des jungen Werther“, über Kinderbuchklassiker wie „Der Wunschpunsch“ bis hin zu Krimi-Produktionen „Jenseits der Spree“ und „Helgoland 513“. Liegt Dir eine Rolle besonders am Herzen?
Das ist eine schwierige Frage. Mir liegen natürlich alle Rollen am Herzen, so unterschiedlich sie sind. Am interessantesten ist natürlich immer die nächste Rolle, das neue Abenteuer, das ich mit ihr erleben werde. Die Herausforderung ist oft, dieses Interesse zu behalten und auch in der letzten Aufführung noch neugierig zu sein, was die Rolle noch sein könnte. Dabei braucht jede Rolle etwas anderes. Und dann gibt es natürlich einen großen Unterschied zwischen der Arbeit im Theater und vor der Kamera.
Zum Beispiel hatte ich eine Episoden-Hauptrolle in der Krimi-Reihe „Jenseits der Spree“. Da hat die Rolle eine konkrete Funktion in der Handlung dieser Folge, insgesamt liegt der Fokus aber auf den jeweiligen Kommissar*innen und deren fortlaufender Entwicklung und Erzählung. Trotzdem braucht meine Rolle natürlich meine ganze Fantasie zu ihrer Geschichte, auch wenn ich sie nur schlaglichtartig erzählen kann.
In „Der Wunschpunsch“ durfte ich die Hauptrolle des Zauberers Beelzebub Irrwitzer übernehmen. Mit aufwendigem Kostüm, Perücke und übertrieben geschminkt, hatte ich hier die Möglichkeit, mich komplett zu verstellen. Wir hatten für das Stück eine Live-Band dabei und die Kinder sind total mitgegangen. Ich konnte mich mit einem krummen Buckel, verstellter Stimme und großen Gesten ausprobieren und ganz in die Fantasiewelt eintauchen. Unterschiedliche Rollen brauchen also auch ein individuelles Bewusstsein für den Kontext und das macht sie mir alle so einzigartig.
Unterschiedliche Rollen, komplexe Arbeit und oft auch viel Pendelei. Wie hältst Du dich in Balance?
Ich vermute mal, dass Balance viel über Gewohnheiten, Rhythmus und Struktur funktionieren kann und mein Beruf lässt das nicht so einfach zu. Ich bin weiter auf der Suche nach Balance in meiner Freiberuflichkeit. Ich bin auch sehr froh, dass meine Agentur mir den Rücken freihält und mich unterstützt, etwa indem sie die terminliche Koordination übernimmt.
Ich versuche Verantwortung für mich zu übernehmen und gute Entscheidungen für mein Leben und mein Wohlbefinden zu treffen. Das sind oft alltägliche Dinge in meinem Umfeld, die Beziehungen, in denen ich lebe und wachse, Verpflichtungen, die ich habe und natürlich die Beschäftigung mit Inhalten meines Berufs und Training.
Für Wohlbefinden ist natürlich das eigene Zuhause ein wichtiges Element. Was gefällt dir an Bochum?
Bochum ist total schön und ich fühle mich hier sehr wohl. Ich habe das große Geschenk, dass ich mir trotz des intensiven Studiums, hier ein Umfeld und Zuhause schaffen konnte. Ich habe in meiner Studienzeit in Bochum früh gemerkt, dass ich meine Privatsphäre und Ruhe als Ausgleich brauche, eben für meine Balance. Durch das viele Pendeln brauche ich einen Ruhepol, an den ich immer wieder zurückkommen kann. Bochum ist sehr zentral angebunden und ich bin schnell in Köln, Berlin, München und eigentlich überall.
Viele Absolventen*innen wünschen sich nach ihrem Abschluss unterwegs zu sein. Manche schlagen andere Wege ein, haben feste Anstellungen oder gehen in die Freiberuflichkeit.
Was würdest du gerne Folkwang Absolvent*innen, egal aus welchem Fachbereich, mit auf den Weg geben?
Nach dem Studium beginnt eine Phase des Herausfindens und Erprobens, der bewährte Uni-Kontext wird verlassen und das Berufsleben kann sich unterschiedlich entwickeln. Egal in welcher Situation, würde ich gerne Absolventen*innen raten darauf zu vertrauen, dass sie gut ausgebildet und befähigt sind, Kunst zu machen. Sie sollten eigene Entscheidungen treffen dürfen, um Platz für sich selbst zu schaffen, um künstlerisch zu funktionieren. Aber vor allem sollte niemand vergessen, dass Kunstberufe zwar total schöne Berufe sind, aber es sind nur Berufe und das Leben an sich beinhaltet viel mehr.
Ein Beitrag im Rahmen des Projekts „Folkwang StudiScouts“.
Zara Krauss / 13. Mai 2025