Im Alter von 88 Jahren ist der ehemalige Folkwang Professor Mauricio Rosenmann Taub am 8. März in Essen-Werden verstorben. Über 25 Jahre lehrte er Musiktheorie am Folkwang Campus Essen-Werden: von1974 bis zu seiner Emeritierung 1999 und wurde 1980 zum Professor berufen. Sein kompositorisches und schriftstellerisches Werk zeichnet sich durch Intermedialität aus. Folkwang Professor Matthias Schlothfeldt hat ihn selbst als Lehrer kennengelernt und erinnert sich in einem persönlichen Nachruf:
Mauricio Rosenmann war ein unkonventioneller, ein inspirierender Lehrer. Kaum vorstellbar, dass er nicht gerade – mit schelmischem Lächeln, verschmitzt lachenden Augen und auf unnachahmliche Weise lispelnd – jemandem bedeutet: „Die Sexten sind die Süße in der Musik!“
Als Komponist und als Schriftsteller war er genial: Eine Handvoll Töne oder eine Pause, ein Wort oder nur ein einziger Buchstabe genügten, damit seine Fantasie auf Hochtouren lief. Er erblickte buchstäblich überall Potenzial, um Gewohntes infrage zu stellen und weiter zu denken.
1932 in Santiago de Chile geboren, hatte er früh Erfolg als Schriftsteller und Musiker. Zur Fortsetzung des Studiums zog es ihn nach Deutschland, wo er u. a. bei Wolfgang Fortner Komposition studierte. Er unterbrach sein Studium in Freiburg, um über mehrere Jahre Lehrveranstaltungen bei Olivier Messiaen am Pariser Konservatorium zu besuchen. Höchst amüsant konnte er davon erzählen: auf der einen Seite von den Abenteuern als Pförtner in Paris, einer Tätigkeit, mit der er sich nachts das Studium finanzierte; vom Unterricht bei Messiaen auf der anderen Seite, auch von der Herabwürdigung, die jemand erfuhr, der in Gehörbildung Blau mit Grün verwechselte oder sich der Ansicht nicht anschließen wollte, dass das gesamte Werk der Schönbergschule im Grunde nur aus Schattierungen der Farbe Grau besteht.
Von „Maquinación“, seinem Konzert für Solo-Flipper und Kammerensemble, hatte ich schon vor dem Studium gehört: Der Komponist Friedhelm Döhl berichtete, dass er sich mit Mauricio Rosenmann bereits in Freiburg angefreundet und ihn beim Verfassen von Texten und Musik begleitet hatte. Das „Flipperkonzert“ reagiert auf Personen und Szenen aus dem Folkwang-Hochschulleben. Im Studium habe ich Mauricio Rosenmann dabei geholfen, im ICEM mit Hilfe des SynLab und einiger Bandmaschinen das Zuspielband für sein als „OperAzione“ bezeichnetes Musiktheaterwerk „Frankenstein“ zu erstellen. Das Monströse an dem gewählten Sujet ließ auch auf ein Gefühl der Fremdheit als Jude in Deutschland schließen.
Stefan Fricke hat für das Werk von Mauricio Rosenmann das Bild des „gesamtkünstlerischen Labyrinths“ geprägt, „in dem einzelne Ariadnefäden fortgesponnen werden“. Das scheint mir einen wichtigen Aspekt zu erfassen: Waren auf der einen Seite Fäden zusammengeflochten, so hatten sie sich auf der anderen Seite längst wieder vielfach gegabelt und verästelt. Während sich dies in der Praxis der Tonstudioarbeit mit Bandmaschinen als weniger günstig erwies, prägte es viele anregende Gespräche – und ein umfangreiches Werk, das als höchst individuelle Ausprägung des Folkwang-Gedankens interpretiert werden kann.
„Formicación“, eine seiner vielen Sammlungen von Texten, die diverse visuelle Gestaltungsmittel wie Musiknotation einbeziehen, hat Mauricio Rosenmann mir geschenkt. Der „ANTHEM“ betitelte Text liegt vor mir; sein Autor hatte ein diebisches Vergnügen daran, dass der Titel nicht nur „Hymne“ bedeutet, sondern auch als Kompositum von „ant“ und „them“ gelesen werden kann. Die fünf Zeilen darunter zitieren Shakespeares „Hamlet“ und spielen darauf an, dass in anderen Sprachen „rest“ ebenso „Pause“ bedeutet wie „silencio“: the rest is silence. Am Ende starrt mich die ganze Pause an, ein überdimensional großes schwarzes eckiges Gebilde, mit einer weißen Viertelpause, die darin ausgelassen ist – eine Pause in der Pause.
Nun ist Mauricio Rosenmann Taub in die Pause gegangen. Wir werden ihn, sein inspirierendes Wesen und seinen Humor vermissen.
Matthias Schlothfeldt_Professor für Musiktheorie an der Folkwang Universität der Künste
Fotos: Portrait Mauricio Rosenmann Taub von Kastenwirbel, lizensiert unter CC BY-SA 4.0; Anthem_Mauricio Rosenmann Taub (c) Pfau-Verlag
12. März 2021