Musikwissenschaftliche Forschungsprojekte

Prof. Dr. Florian Carl
Auralität und Mission: Klangwelten kolonialer Begegnungen
In der Begegnung zwischen europäischen Missionaren und Angehörigen westafrikanischer Gemeinschaften im 19. Jahrhundert spielten Hören und Klanglichkeit eine zentrale Rolle. Genau diese Klangdimension der Missionsgeschichte steht im Zentrum dieses Forschungsprojekts.
Untersucht wird die Begegnung zwischen der Norddeutschen Missionsgesellschaft – auch bekannt als Bremer Mission – und Ewe-sprachigen Gemeinschaften im heutigen Ghana und Togo. Die Mission war seit 1847 in der Region aktiv und wurde mit der deutschen Kolonialisierung Togos ab 1884 zunehmend Teil kolonialer Machtstrukturen.
Mission als Klangprojekt
Die christliche Mission des 19. Jahrhunderts war weit mehr als ein religiöses Unterfangen. Sie zielte auf eine grundlegende Transformation von Lebensweisen, Wissensordnungen und Körperpraktiken – eng verflochten mit den imperialen Ordnungen ihrer Zeit. Eine bislang wenig beachtete Dimension dieser Geschichte ist das Hören selbst: die Auralität missionarischer Begegnungen.
Diese zeigte sich vielfältig – im Sprechen und Zuhören, im Verstehen und Missverstehen, im gemeinsamen Singen und Beten. Sie zeigte sich auch in der Übersetzung, Systematisierung und Standardisierung indigener Sprachen sowie in neuen Klangräumen, neuen Instrumenten und neuen Formen des Musizierens. Klänge wurden dabei geordnet, bewertet und hierarchisiert – bestimmte Formen des Hörens eingeübt, andere abgewertet.
Macht, Aneignung und Widerstand
Das Projekt fragt, wie solche auralen Praktiken koloniale Machtbeziehungen formten – aber auch, welche Räume der Aneignung, Aushandlung und des Widerstands sie eröffneten. Die akustischen Begegnungsräume wurden von einer Vielzahl europäischer und westafrikanischer Akteure gestaltet, die einander hörten, miteinander kommunizierten und unterschiedliche klangliche Praktiken einbrachten. Missionare veränderten so nicht nur westafrikanische Klangwelten – sie wurden zugleich von ihnen verändert.
Eine neue Perspektive auf Missions- und Kolonialgeschichte
Der Fokus auf das Hören eröffnet eine neue Perspektive auf die deutsche und westafrikanische Missions- und Kolonialgeschichte als verflochtene Geschichte. Er zeigt: Kolonialgeschichte lässt sich nicht nur als Geschichte von Texten und Bildern erzählen, sondern auch als Geschichte des Hörens, des Gehörtwerdens und des Nicht-Gehörtwerdens.

Prof. Dr. Katharina Hottmann / Prof. Dr. Andreas Jacob
Folkwang im NS-Staat
In der Geschichte von Institutionen gibt es fast immer auch Aspekte und Zeiträume, deren Thematisierung kaum zur affirmativen Selbstbestätigung einlädt. Dazu zählt in Deutschland mit Sicherheit die Zeit des Nationalsozialismus, weshalb sich viele Hochschulen erst spät mit ihrem Handeln unter den Rahmenbedingungen der Diktatur auseinandergesetzt haben. Es stellen sich Fragen wie: Wie hat sich die Institution als Institution in dieser Zeit verhalten? Wie erging es den dort tätigen Personen? Welche Lebens- und Arbeitsbedingungen haben sich damals geändert? Auch: Gab es Fälle von besonderer Verstrickung auf der einen, Diskriminierungs- oder Verfolgungserfahrung auf der anderen Seite?
Im Falle der beiden damaligen Folkwangschulen könnten die Antworten auf derartige Fragen besonders schwerwiegen, befanden sich diese Institutionen doch 1933 in einer teilweise recht fragilen Etablierungsphase nach ihrer Gründung 1927. Nicht zuletzt die geänderten Bedingungen des hochschulischen Alltagslebens lassen aufscheinen, welche unmittelbaren Konsequenzen ein totalitäres politisches System für die künstlerische Ausbildung haben konnte. In einem Forschungsseminar im Wintersemester 2026/27 werden Quellen erschlossen und institutionengeschichtlich relevante Zusammenhänge rekonstruiert. In einem Symposium im Juni 2027 werden die erarbeiteten Befunde zu Lehre, künstlerischer Praxis und Verwaltung an Folkwang vor, während und kurz nach der NS-Zeit präsentiert.

Prof. Dr. Katharina Hottmann
Zwischen Milieubindung und -entgrenzung: Musikalische Jungensozialisation im Modernisierungsprozess von 1850 bis 1950
Das Forschungsprojekt untersucht, wie Jungen zwischen 1850 und 1950 musikalische Erfahrungen sammelten und welche sozialen, kulturellen und geschlechtsspezifischen Faktoren ihre musikalische Sozialisation prägten. Während musikalische Grundfertigkeiten wie Singen und Klavierspielen traditionell fest in der bürgerlichen Mädchenbildung verankert waren, blieb die musikalische Bildung von Jungen deutlich weniger normiert und stärker abhängig von individuellen, familiären und milieuspezifischen Bedingungen.
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Frage, wie Jungen Musik im Alltag begegneten – sei es in Schule und Kirche, im familiären Umfeld, in Vereinen, Jugendorganisationen oder über Medien. Musik fungierte dabei als zentrales Medium von Identität, Zugehörigkeit und Abgrenzung. Die Jahrzehnte um 1900 waren geprägt von einer starken Milieubindung: konfessionelle, politische und soziale Gruppierungen adressierten zunehmend spezifische Normen an die Jugend. Gleichzeitig entstanden neue jugendkulturelle Räume, die bestehende Grenzen bewusst überschritten.
Um diese komplexen Sozialisationsprozesse sichtbar zu machen, wertet das Projekt drei zentrale Quellenarten aus:
I. Jungenspezifische Medien wie Zeitschriften, Jahrbücher, Sachbücher und Romane
II. Ego-Dokumente wie Kinder- und Elternbriefe sowie Jugendtagebücher
III. Musikpädagogische Literatur wie Schulbücher, Lehrwerke und Musikalien
Diese Quellen ermöglichen sowohl die Analyse normativer Erwartungen als auch individueller Aneignungsprozesse. Besonders die Perspektive der Jugendlichen selbst eröffnet Einblicke darin, wie sie mit musikalischen Anforderungen, Rollenbildern und Milieugrenzen umgingen.
Das Projekt rekonstruiert historische Erfahrungshorizonte und untersucht u. a.:
• das Verhältnis von Autonomie und Fremdbestimmung in musikalischen Aktivitäten
• die Rolle von Familie, Institutionen und Peers
• die Vielfalt musikalischer Erfahrungen und deren Reflexion
• geschlechtsspezifische und geschlechterübergreifende Muster
• Überschreitungen von Normen und Milieugrenzen
• die Wahrnehmung von Modernisierungs- und Pluralisierungsprozessen
Darüber hinaus berührt das Projekt Fragen der musikalischen Modernisierung, Kanonbildung und Rezeptionsgeschichte: Welche Komponisten tauchen in Jugendmedien auf? Welche Musikformen – von Avantgarde bis Gebrauchsmusik – werden erlebt? Wie wird Musik sprachlich bewertet?
Die Untersuchung trägt zu einem besseren Verständnis musikalischer Alltags- und Geschlechtergeschichte bei und bietet zugleich historische Tiefenschärfe für aktuelle Debatten: etwa über die Rolle von Musik in Jugendkulturen, über Pluralität und Differenz oder über die Herausforderungen heutiger Jungenbildung.

Prof. Dr. Andreas Jacob
Jazzgeschichte zwischen 1955 und 1970
In seiner mittlerweile auch gut über 100 Jahre alte Geschichte durchlief der Jazz vielfältige Entwicklungen, vollzog stilistische Wenden und verarbeitete teilweise recht heterogene Einflüsse. Im laufenden Forschungsprojekt wird mit der Zeit zwischen 1955 und 1970 ein besonders interessanter Abschnitt dieser Geschichte fokussiert. Die Eckpunkte ergeben sich aus epochalen Ereignissen dieser Historie: Auf der einen Seite steht mit 1955 das Todesjahr von Charlie Parker (des wohl maßgeblichsten Neuerers hin zum Modern Jazz), auf der anderen mit 1970 das Jahr der Veröffentlichung von Miles Davis‘ Bitches Brew (dem Meilenstein für die Entwicklung des Jazzrock). Dabei dürfte eine Reihe von Faktoren eine Rolle dafür gespielt haben, dass in den anderthalb Jahrzehnten zwischen diesen Daten neben den ja weiter existierenden traditionelleren Subgenres so viele stilistische Experimente unternommen wurden. Natürlich waren es maßgeblich die Musiker*innen, die in jener Zeit ihre Rolle zwischen einem Hintergrund in populär-tanzbarer Musik und einem sich immer deutlicher artikulierenden Kunstanspruchs suchten. Ebenso hatten jedoch sicherlich auch die Tonträgerindustrie und ihre ökonomischen Interessen ihren Anteil an der beschleunigten Entwicklung, wenn unter dem Motto „What’s new?“ immer neue Produkte präsentiert wurden. Dazu kommt ein besonderes gesellschaftliches und ideologisches Umfeld in den USA (der Hauptarena der damaligen Jazzwelt), das von Markern wie der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, einer suchenden Spiritualität und der Inanspruchnahme von Jazz als Mittel des sozialen (und vielfach auch intellektuellen) Aufstiegs geprägt wurde. Diese vielfältigen Faktoren und Akteur*innen sollen im Forschungsprojekt auf der Grundlage einer theoriegeleiteten Datenaufnahme mit Methoden der Akteur-Netzwerk-Theorie analysiert werden. Szenen und ihre sozialen, ideologischen und/oder ökonomischen Prämissen sollen so in ihrer Interaktion untersucht und beschrieben werden, um ein tiefer ausgeleuchtetes Bild der Jazzgeschichte zu erhalten.

Elisabeth Treydte
#GenderingFolkwang – Eine Spurensuche nach Komponistinnen aus 100 Jahren
#GenderingFolkwang erforscht die Geschichte von FLINTA*-Komponist*innen an der Folkwang Universität der Künste über einen Zeitraum von rund 100 Jahren. Grundlage sind Archivrecherchen, qualitative Interviews und ein Forschungsseminar mit Studierenden. Im Zentrum steht die Frage, ob und in welchem Umfang an Folkwang Frauen und marginalisierte Gender komponiert haben und wie sich Sichtbarkeit für deren Geschichte herstellen lässt, sodass sie wieder Teil der Institutionengeschichte werden.
Das Projekt verbindet damit zwei Forschungsfelder: die musikwissenschaftliche Genderforschung, die sich bislang überwiegend auf einzelne Werke und Biographien richtet, und die Geschichte musikalischer Ausbildungsinstitutionen, die vor allem in Jubiläumsschriften und Festschriften geschrieben wird. #GenderingFolkwang fragt nach den Bedingungen, unter denen kompositorische Ausbildung zugänglich, dokumentiert und überliefert wird. Die Ergebnisse werden 2027, im Jubiläumsjahr der Folkwang Universität, in einer Konzertveranstaltung und einer Installation öffentlich zugänglich gemacht.

Das Forschungskolloquium dient dem Austausch über Abschlussarbeits- und Dissertationsprojekte sowie über aktuelle Forschungen der Lehrenden. Gastvorträge sowie die gemeinsame Lektüre und Diskussion musikwissenschaftlicher oder interdisziplinär relevanter Texte ergänzen das Programm. Interessierte sind herzlich willkommen!
Florian Carl | Katharina Hottmann | Andreas Jacob
Donnerstag, 18.15–19.45, Raum S. 102

21. 7. 2026
Genealogien des Hörens: Eine musikethnologische Annäherung an Musik und Macht
21. 5. 2026
Melody, Rhythm and Devotion: Understanding Carnatic Music
30. 4. 2026
"Tango-Tanzbarkeit von Musik": Herausforderungen eines mixed-methods Forschungsprojekts
29. 1. 2026
MusikWissenschaft und Geselligkeit. Eine Einladung der Musikgeschichte an die Gegenwart