Interview mit Folkwang Professor Dr. Kim Albrecht zu seiner Veröffentlichung in Nature

Dr. Kim Albrecht ist seit Januar 2025 Professor für Informationsdesign im Fachbereich Gestaltung an der Folkwang Universität der Künste. Im Interview mit Maiken-Ilke Groß, Pressesprecherin der Folkwang Universität der Künste, gibt er Einblicke in seine Arbeit und spricht über die Veröffentlichung in Nature.

 

Foto: Jodi Hilton

Foto: Jodi Hilton

 

Maiken-Ilke Groß: Nature ist ein weltweit führendes wissenschaftliches Journal und ein Nature-Cover gilt in der Forschung als eine der höchsten Auszeichnungen überhaupt. Wie hast du es geschafft, mit deinem Thema dorthin zu kommen?
Prof. Dr. Kim Albrecht:
Im Sommer 2025 habe ich an der Harvard University die Konferenz „Data | Art“ mitorganisiert. In meinem Vortrag habe ich die Schattenseiten datenbasierter Systeme thematisiert. Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist der Missbrauch von Daten ein sensibles Thema. Mein Beitrag verstand sich als Appell, Daten nicht als neutrale Ressourcen zu betrachten, sondern als machtvolle Instrumente, die eine demokratische Wachsamkeit erfordern. Gleichzeitig habe ich aufgezeigt, welche zentrale Rolle künstlerische und gestalterische Praktiken dabei spielen können, diese komplexen Zusammenhänge sichtbar und verhandelbar zu machen.
Im Anschluss an die Konferenz kam die Creative Director von Nature auf mich zu und fragte, ob ich Ideen hätte, wie sich die zunehmenden politischen Angriffe auf die Wissenschaft visuell erfassen ließen. Ich habe von 2015 an fast ein Jahrzehnt in Boston an unterschiedlichen wissenschaftlichen Institutionen gearbeitet. Zu erleben, wie ein System, dem ich persönlich und professionell viel verdanke, unter Druck gerät und beschädigt wird, war schwer auszuhalten. Vor diesem Hintergrund habe ich begonnen, systematisch nach geeigneten Datenquellen zu suchen und schließlich das Projekt zu den verlorenen Forschungsförderungen vorgeschlagen.

 

Dein Projekt bewegt sich in einem politisch sensiblen Kontext: Die Angriffe auf Nature im Herbst 2025 sowie die milliardenschweren Klagen der US-Regierung gegen die BBC haben die Arbeit vermutlich geprägt. Wie ist der Rechercheprozess konkret verlaufen?
Der Recherche- und Publikationsprozess war deutlich komplexer und langwieriger, als ich zunächst erwartet hatte. Die Veröffentlichung wurde mehrfach verschoben, und bis kurz vor Schluss war offen, ob die Analyse überhaupt erscheinen würde. Sowohl die Datengrundlage als auch ihre visuelle Repräsentation wurden auf mehreren Ebenen intensiv geprüft und kritisch hinterfragt. Jede Annahme, jede Berechnung und jede grafische Entscheidung musste nachvollziehbar belegt werden.
Der politische Druck auf wissenschaftliche Institutionen ist in den USA derzeit spürbar hoch, unabhängig davon, ob er offen oder indirekt ausgeübt wird. Ich habe in meinem bisherigen Berufsleben noch nie eine vergleichbare Menge an Daten ausgewertet und so viele gestalterische Varianten für letztlich zwei Doppelseiten und ein Cover entwickelt. Der Aufwand war enorm, hat sich jedoch gelohnt. Die Resonanz auf das Projekt verdeutlicht, wie dringlich es ist, Verlust, Streichung und das Verschwinden wissenschaftlicher Strukturen darzustellen.

 

Bei deiner Darstellung verzichtest du auf die typischen Diagramme und hast einen ganz anderen Weg gefunden. Wie hängt das mit deiner Arbeit als Professor für Informationsdesign zusammen, was ist eigentlich Informationsdesign und wie profitieren Menschen im Alltag davon?
Daten und Informationen sind seit der fortschreitenden Digitalisierung längst nicht mehr auf wissenschaftliche Kontexte beschränkt. In nahezu allen Lebensbereichen – vom Schreiben dieses Textes über den Kauf von Kleidung bis hin zur Partnerwahl oder zum Musikhören – werden kontinuierlich Daten erzeugt und ausgewertet, häufig ohne das bewusste Wissen derjenigen, die sie generieren. Informationsdesign setzt genau hier an: Es macht Daten erfahrbar.
In meiner Forschung und Lehre entwickeln wir Methoden, um hochgradig abstrakte, oftmals unlesbare und schwer zugängliche Datenstrukturen in Formen zu übersetzen, die für Menschen wahrnehmbar, verständlich und kritisch reflektierbar werden. Ich halte diese Kompetenz für zentral für zukünftige Gestalterinnen und Gestalter. Daten informieren uns über klimatische Veränderungen, sie bilden die Grundlage maschineller Lernsysteme und spielen zugleich eine entscheidende Rolle bei Mis- und Desinformation. Umso dringlicher ist es, eine Generation auszubilden, die kreativ, verantwortungsvoll und reflektiert mit Informationen umgehen kann – insbesondere in den gesellschaftlichen Umbrüchen, die wir derzeit erleben.
Meine Lehre und meine Forschung sind dabei eng miteinander verzahnt. Der Austausch mit Studierenden fließt in meine Forschungsarbeit ein. Auffällig ist, dass viele studentische Projekte ähnliche Fragestellungen verhandeln – insbesondere die Frage, wie sich Verlust, Auslassung oder systematische Unsichtbarmachung gestalterisch erfassen lassen. So hat Ann-Kathrin Funke* in ihrem Projekt „Kin.tsugi“ die Netzwerkprozesse untersucht, die das globale Klima beeinflussen, und dabei sichtbar gemacht, wie fragil und zugleich komplex die Verbindungen verschiedener Erdsysteme miteinander verflochten sind. Josefine Rubbert* hat mit ihrem Projekt „Freedom of Speech“ über 10.000 in Teilen der USA verbotene Buchtitel kartiert und damit den kulturellen Verlust durch Zensur erfahrbar gemacht.
Die Studierenden konfrontieren mich regelmäßig mit neuen Perspektiven, Fragestellungen und Methoden. Gleichzeitig überführe ich aktuelle Forschungsprojekte wieder zurück in die Lehre – etwa in einem geplanten Seminar im Wintersemester 2026, in dem gestalterische Prozesse im Zentrum stehen werden. Forschung und Lehre verstehen sich für mich als wechselseitiger Kreislauf.

 

Herzlichen Dank für deine Zeit und Glückwunsch zum Nature-Cover!

 

*Anmerkung der Redaktion: 
Studierende Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste

 

 

 

 

Groß / 27. Januar 2026