Zum Tod von Gerd Zacher

KMD Gerd Zacher war von 1970 bis 1991 Professor für Orgel an Folkwang und hat die Abteilung Evangelische Kirchenmusik geleitet. Den Nachruf schrieb Prof. Dr. Andreas Jacob, der Zacher selbst in den 1980er Jahren im Unterricht erlebt hat: Vergangenen Pfingstmontag, am 9.6.2014, verstarb Gerd Zacher, wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag. Mit dieser Nachricht betrauern wir den Verlust einer der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten, die an Folkwang wirkten: Vor allem auf dem Gebiet der Neuen Musik setzte der Organist Maßstäbe; aus der Zusammenarbeit mit Komponisten wie John Cage, Mauricio Kagel, György Ligeti oder Isang Yun erwuchsen Produktionen, die der Orgel in Klanggestaltung, Spieltechnik sowie Instrumentenbau nachhaltig wirkende neue Impulse verliehen.

Zacher_Figur1.jpg

 

In seinen Interpretationen wie auch in seinen eigenen Kompositionen und in seinen musik-reflektierenden Schriften war stets die Ernsthaftigkeit zu spüren, mit der er den existenziellen Qualitäten von Musik nachging, die er einmal als Mittel zum „Begreifen der Welt und als Vorbild für Hoffnung“ bezeichnete. Zusammen mit dem Komponisten Juan Allende-Blin, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, entwickelte er hierbei ästhetische Konzeptionen, die das Mit-Teilen von musikalischen Erfahrungsräumen, so ungewohnt sie sein mögen, ins Zentrum stellen.

Dies charakterisierte auch Zachers Tätigkeit als Lehrer an Folkwang in seiner Zeit als Leiter der Abteilung für Evangelische Kirchenmusik von 1970 bis 1991: Im ständigen Dialog mit Studierenden ließ er ihnen die vielschichtigen Dimensionen von Musik bewusst werden und lebte vor, wie Musik in der Kirche – gerade auch die für viele Hörer zunächst sperrige Avantgarde – ihre immanenten Potenziale von Sinneröffnung entfalten kann.

Vor dieser Zeit in Essen hatte Zacher, nach Studium in Detmold und einigen Jahren in Chile (1954-57), mit seinem Eintreten für Neue Orgel- wie Kirchenmusik bereits für internationales Aufsehen gesorgt. Konzertreihen mit der von den Nationalsozialisten verdrängten Musik lenkten seit den 1960er Jahren weltweites Interesse auf den damals in Hamburg-Wellingsbüttel wirkenden Kantor. Ebenfalls ungewöhnlich erschien zu jener Zeit auch die Selbstverständlichkeit, mit welcher ein Kirchenmusiker die Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Kunstdisziplinen suchte. So ließ ihn das Thematisieren der Übergänge von Musik zu darstellenden Künsten zu einem prädestinierten Interpreten für Konzeptionen aus dem Umfeld der Fluxus-Bewegung werden, und Zacher agierte beispielsweise in der Hauptrolle von Mauricio Kagels Filmkomposition „Halleluja“ von 1968. Ein anderes Beispiel für Zachers interdisziplinäre künstlerische Grunddisposition ist die nicht-klingende Realisierung der Variation 10 der berühmt gewordenen Bach-Interpretation „Die Kunst einer Fuge“ von 1968/69 (über den Contrapunctus I aus der „Kunst der Fuge“), bei der er vom Choreographen Jean Cébron beraten wurde, dem er später an Folkwang als Professoren-Kollegen wiederbegegnen sollte.

Johann Sebastian Bachs Werk stellte insgesamt einen Grundpfeiler von Zachers vielfältiger Auseinandersetzung mit Musik dar, was sich nicht nur in musikalischen Produktionen äußerte, sondern auch in einer Fülle von Aufsätzen. Ein Sammelband mit dem Titel „Bach gegen seine Interpreten verteidigt“ (München 1993) spiegelt jedoch nur einen Ausschnitt seiner reichhaltigen musikschriftstellerischen Tätigkeit wider, die Komponisten von Frescobaldi über Mendelssohn, Liszt, Reger und Satie bis hin zu Messiaen und Schnebel behandelte. Auch hier war es ihm darum zu tun, die kommunikativen Aspekte von Kompositionen herauszuarbeiten, dem Hörer über das Verstehen von Hintergrundstrukturen die vielschichtigen Ebenen von Musik aufzuschließen.

Essen und der Folkwang Universität der Künste blieb Zacher auch nach seiner Pensionierung verbunden, sei es in regelmäßig abgehaltenen Konzerten und Seminaren in seiner Wahlgemeinde in Rellinghausen oder in Beteiligung an Hochschulveranstaltungen. Noch vor wenigen Wochen nahm Gerd Zacher als Gast an der Einweihung der neuen Folkwang Orgel teil – kaum jemand hätte glauben mögen, dass nur wenig später sein Nachruf zu lesen sein würde.

Es bleibt die Erinnerung an eine der prägenden Persönlichkeiten des Hochschullebens mit internationaler Ausstrahlung, künstlerischem Charisma und ehrlichem Interesse an der Weiterentwicklung der Studierenden. Auf dem Fundament seines christlichen Glaubens erfüllte Zacher, der selbst 1964 eine Pfingstgeschichte für Chor und Bläserchor geschrieben hatte, als Musiker den Sendungsauftrag, wie er in der Apostelgeschichte beschrieben wird: „zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ - nun ist er Pfingsten 2014 verstorben. Wir werden Gerd Zacher schmerzlich vermissen.

Prof. Dr. Andreas Jacob / 13. Juni 2014


Fotos:
© Elke Grevel (oben rechts) & © Anita Jakubowski (im Text)

 

13. Juni 2014