Wissenschaft

Gestaltungsfragen Vorträge

Vortragsreihe des Instituts für Kunst- und Designwissenschaft der Folkwang Universität der Künste

Dienstag, 12.07.2016

 

Simone Post (Rotterdam): Post Production


Als letzten Gast vor der Sommerpause begrüßt das Institut für Kunst- und Designwissenschaft der Folkwang Universität der Künste Simone Post aus Rotterdam. Es ist vor allem der Werkkomplex „Post-Vlisco“, der sie heute zu einer der interessantesten Gestalterinnen der Gegenwart macht. Nach eingehender Analyse der Herstellungs- und Produktionsabläufe hat sie mangelhafte Stofflagen und anderen Reste der in Afrika so überaus populären Wachsbatikstoffe der holländischen Firma Vlisco zu einer Reihe von Heimtextilien um- und weitergearbeitet, von denen der bunt schillernde, kreisrunde „Vlisco Recycled Carpet“ durch seine ikonischen Qualitäten herausragt.

Die Betrachtung des jungen Werks von Simone Post wirkt wie eine verspätete Bestätigung von Gottfried Sempers berühmtem Diktum, dass „alle anderen Künste ihre Typen und Symbole aus der textilen Kunst entlehnten“. Der ausgeprägte Formwille, der all ihre Arbeiten auszeichnet, paart sich bei ihr mit einer feinsinnigen Empfindung für die Ausdrucksformen menschlicher Kreativität. Nicht umsonst hat sie ein ausgewiesenes Interesse an der kindlichen Vorstellungskraft, der sie in Anlehnung an die Künstlergruppe CoBrA oder dem niederländischen Architekten Aldo van Eyck besondere Beachtung zuteil werden lässt. Simone Post hat sich dem Feld des Textilen verschrieben, das ihr mit seinen vielfältigen Mustern und Strukturen aller Zeiten und Kulturen immerwährende Inspiration ist. Dabei bedient sie sich nicht einfach überlieferter Formen. Sie überprüft die Formen auf ihre gestalterische Konsequenz. Dabei geht es ihr in einer doppelten Wendung um die direkte Übersetzung des Bildlichen der menschlichen Vorstellungskraft in das Handwerklich-Technische des Formprozesses, wie auch der Gestaltungsprozess neue Formen erzeugt, die wiederum das menschliche Ausdrucksvermögen prägen.

Simone Post (*1990) absolvierte das Man and Living-Programm der Design Academy Eindhoven, wo sie 2015 mit Cum Laude graduiert wurde. Bereits während ihres Studiums konnte sie auf sich aufmerksam machen, als die holländische Warenhauskette HEMA ihren Beitrag zum traditionellen HEMA Designwettbewerb (Ontwerpwedstrijd), einen Papphocker, in ihr Angebot aufgenommen hatte. Ihre Abschluss-Arbeit „Vlisco Recycled“ wurde mit dem Keep an Eye Grant und dem René Smeets Award ausgezeichnet. Jüngst wurde sie für die Dutch Design Awards und den New Material Award nominiert. 2015 wählte Hella Jongerius sie neben Joel und Kate Booy (Studio Truly Truly) als erste Designern für die neue Kollektion „by TextielMuseum“ des TextielMuseum Tilburg aus. Für die Herbst-/Winterkollektion 2016/17 „Let’s hear it from the lions“ von Liselore Froweijn entwarf sie Halsketten, die von den Kulturen Afrikas inspiriert sind. Simone Post ist gemeinsam mit Iwan Pol und Sanne Schuurman die Initiatorin von Envisions, einem Zusammenschluss junger Gestalterinnen und Gestalter, die einen neuen, kritischen Dialog zwischen Entwerfenden, Produzierenden und Konsumierenden anregen möchten. Simone Post lebt und arbeitet in Rotterdam.

Dienstag, 05.07.2016

 

rENs (Eindhoven)


Der Prozess der Gestaltung ist heute vielfach das eigentliche und oftmals einzige Thema der Gestaltung. Produkte werden zu Objekten, die heute mehr als reine Kunstwerke grundsätzliche Gestaltungsfragen aufwerfen. Das in Eindhoven ansässige Duo rENs (Renee Mennen und Stefanie van Keijsteren) rücken dabei die Bedeutung der Farbe in den Mittelpunkt ihres Interesses. Doch sind es nicht Farbtheorien oder Farbsysteme, denen sie ihre besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Mit ihren Arbeiten offenbaren sie uns die Relativität und Grenzen der menschlichen Wahrnehmung und zeigen, dass Farbe keine autonome Größe darstellt. Der Eindruck einer Farbe ist nicht nur von atmosphärischen Gegebenheiten und psychischen Dispositionen bzw. Stimmungen abhängig, Die Wahrnehmung einer Farbe ist vor allem auch bedingt durch die organische Materialität der Gegenstände selbst. Gleichzeitig ist Farbe äußeren Einflüssen unterworfen, hier kommt der Zeit besondere Bedeutung zu.

Das Denken in Konzepten war für Renee Mennen und Stefanie van Keijsteren schon immer selbstverständlicher Teil guter und bewusster Gestaltung. Ihre frühen, häufig ironisch konnotierten Arbeiten wie Kopje Kopje (2008), Sjaalgerei (2008) oder Langpotkaast (2009) zeugen von ihren bevorzugten Materialien: Keramik, Textilien und Holz. Es sind immer selbstreflexive Gestaltungsarbeiten, die über ihren ästhetischen Eindruck und den reinen Gebrauchswert hinaus vielfältige semantische Bezüge besitzen. Rot oder niederländisch „Rood“, die nach Goethe „höchste Steigerung der Farben“, wurde für rENs seit 2011 zum Gegenstand einer bis heute andauernden Recherche, mit der Renee Mennen und Stefanie van Keijsteren die vielfältige Schönheit einer Farbe aufzeigen können. Die systematischen Forschungen ihrer Projekte münden in Produkt-Objekte, die in Kooperation mit etablierten Unternehmen wie Canon, Cor Unum oder Desso entstehen. Ihre Arbeit bleibt dabei ganz wesentlich eine aufklärerische, führt sie uns doch die Grenzen menschlichen Ausdrucksvermögens vor Augen. Ihre neue monochrome Gestaltung macht Sehen zu einem Spektakel. In Abwandlung des bekannten Wortes aus den „Schöpferischen Konfessionen“ von Paul Klee (1920), gilt für rENs: ‚Gestaltung gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.’

Renee Mennen (*1984) und Stefanie van Keijsteren (*1985) beendeten 2008 ihr Designstudium an der Akademie voor Kunst en Vormgeving St. Joost (AKV | St. Joost) in Breda. Anfang 2009 formalisierten sie ihre Zusammenarbeit durch die offizielle Gründung des Studio rENs. Der eigentümliche Name der Werkgemeinschaft ist ein Akronym, das aus den Vornamen der beiden Gestalterinnen gebildet ist. Ihre Werke sind vertreten im Zuiderzeemuseum Enkhuizen und im Stedelijk Museum in s’Hertogenbosch. Renee Mennen und Stefanie van Keijsteren leben und arbeiten heute in Eindhoven.

Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der englischsprachige Vortrag findet im SANAA-Gebäude auf dem Campus Zollverein der Folkwang Universität der Künste statt und beginnt am 5. Juli 2016 um 18 Uhr. Dem Vortrag folgt eine gemeinschaftliche Diskussion.

Die Vortragsreihe „Gestaltungsfragen“ wird organisiert vom Institut für Kunst- und Designwissenschaft der Folkwang Universität der Künste. Das Institut versteht sich als dialogische Plattform eines kritischen Diskurses über Gestaltung in historischer wie  zeitgenössischer Perspektive. Unter dem Titel „Gestaltungsfragen“ lädt es von Mai 2016 an Gestalterinnen und Gestalter, die in ihrem Bereich Maßstäbe gesetzt haben, um mit ihnen den Begriff der Gestaltung neu zu denken.

Dienstag, 21.06.2016

Tejo Remy (Utrecht)

1993 konnte Tejo Remy drei der insgesamt vier Arbeiten seines Studien-Abschlussprojektes in der legendären ersten Droog-Ausstellung auf dem Mailänder Salone del Mobile zeigen. Die drei ikonischen Entwürfe Chest of Drawers („You can’t lay down yor memory“), Milk Bottle Lamp und Rag Chair gehören seit dieser Präsentation zu den berühmtesten Designentwürfen der jüngeren Vergangenheit, markieren sie doch den Beginn eines neuen Verständnisses von Gestaltung, das bis in unsere Gegenwart fortwirkt.

Dem oftmals tumultösen Auftreten seiner Altersgenossen fernbleibend, ist Tejo Remy bis heute eine der zentralen Figuren des niederländischen Designs von internationaler Bedeutung. Nach landläufiger Meinung gilt er noch immer als einer der Protagonisten des Autorendesigns, das seit den 1990er Jahren für die viel beschworene Annäherung von Kunst und Design in Anspruch genommen wird. Heute, da sich diese Schlagwortvokabel als fruchtlose Worthülse erwiesen hat, lässt sich weiterhin nicht an Remys Bedeutung zweifeln, nur zeigt sich diese weitaus vielschichtiger.

Dass Design vor allem eine kommunikative und soziale Praxis ist, hat kein Gestalter der letzten 25 Jahren konsequenter zu seinem Thema gemacht als Tejo Remy. Seine radikal konzeptionellen Arbeiten versuchen, die seit der Moderne allerorten anzutreffende Entfremdungserfahrung zu überwinden. Die bedingungslose Befragung des Materials in materieller wie auch in semantischer Perspektive erlauben ihm, die selbstverständliche Nähe zu den uns nur scheinbar so vertrauten Dingen im Gebrauch neu zu überdenken. Darüber hinaus hat das Atelier Remy & Veenhuizen in den vergangenen Jahre immer wieder große Interieurs gestaltet: beispielsweise für das Besucherzentrum des Rietveld Schröder Hauses und das Nijntje Museum in Utrecht, das der in Deutschland unter dem Namen Miffy bekannt gewordenen Hasenfigur von Dick Bruna gewidmet ist.

1991 beendete Tejo Remy (*1960) sein Studium an der Hogeschool voor de Kunsten (HKU) in Utrecht. 2000 gründete er zusammen mit René Veenhuizen (*1963) das in Utrecht beheimatete Atelier Remy & Veenhuizen. Werke der beiden sind vertreten in international renommierten Sammlungen wie dem Stedelijk Museum, Amsterdam, dem High Museum of Art, Atlanta, dem Design Museum, London, dem Victoria & Albert Museum, London, der Neuen Sammlung, München, dem Cooper Hewitt Museum, New York, dem Museum of Modern Art, New York, dem Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, dem San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco, dem Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, dem St. Louis Art Museum, St. Louis, dem Powerhouse Museum, Sydney und dem Centraal Museum, Utrecht. 2015 würdigte sie das CAB – Centro de Arte Contemporáneo de Caja de Burgos mit der großen Retrospektive „Our World as a Toolkit“. Unter leicht abgewandeltem Titel erschien jüngst bei Lecturis das Buch „THE WORLD = OUR TOOLKIT“, das einen Überblick über ihr bisheriges Schaffen vermittelt.

In dem Vortrag wird Tejo Remy über sein Verständnis von Gestaltung referieren. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der englischsprachige Vortrag findet im SANAA-Gebäude auf dem Campus Zollverein der Folkwang Universität der Künste statt und beginnt am 21. Juni 2016 um 18 Uhr. Dem Vortrag folgt eine gemeinschaftliche Diskussion.

Dienstag, 03.05.2016

Anna van Lingen und Denisa Kollarová (Amsterdam): Aldo’s Web of Playgrounds. Die Amsterdamer Spielplätze von Aldo van Eyck

 

Mit seinen Spielplätzen hat der holländische Architekt Aldo van Eyck (1918-1999) die Kindheit von unzähligen Heranwachsenden in Amsterdam geprägt. Van Eyck sprach ihnen ganz selbstverständlich einen Platz im Gefüge der Stadt zu. Mit den Spielplätzen schuf er einen kommerzfreien Rückzugsraum für Kinder, der auf ihre speziellen Bedürfnisse Rücksicht nahm. Er fasste seine Kinderspielplätze als selbstverständlichen Teil des Stadtkörpers auf, womit er das urbanistische Ideal der europäischen Stadt grundlegend erweiterte. Im städtischen Auftrag entwarf van Eyck zwischen 1947 und 1978 weit über 700 Spielplätze. Das reduzierte, archetypische Formenvokabular ihrer Spielgeräte stimuliert bis heute die Imagination und Kreativität von Kindern. Ökonomischer Druck, die hohe Nutzungsintensität, aber auch fehlendes ästhetisches und gestalterisches Gespür haben die meisten Spielplätze überformt oder vernichtet. Nur einige wenige sind heute in ihrer ursprünglichen Konzeption erhalten.

Anna van Lingen und Denisa Kollarová haben sich in einer langjährigen Recherche als zeitgenössische Stadtarchäologinnen auf die Spur von Aldo van Eycks Spielplätzen gemacht. In dem jüngst erschienenen handlichem Reiseführer „Aldo van Eyck. Seventeen Playgrounds“ (Lecturis) führen sie zu 17 erhaltenen Spielplätzen im Innenstadtbereich von Amsterdam. Mit jedem einzelnen Spielplatz erschließen sie ein neues Gestaltungsprinzip und offenbaren so Aldo van Eycks zutiefst humanistisches Verständnis von Architektur.

Während ihrer Recherchen haben Anna van Lingen und Denisa Kollarová ein nicht mehr genutztes Klettergerüst von Aldo van Eyck entdeckt das sie als „adopted igloo“ zum Gegenstand künstlerisch-urbanistischer Interventionen gemacht haben. Derzeit sind die damit beschäftigt, den „adopted igloo“ dauerhaft in Amsterdam zu platzieren. Ihre Auseinandersetzung mit Aldo van Eyck hat sie zu gefragten Gesprächspartnern für künstlerische Spielplatzgestaltung gemacht. In den letzten Jahren haben sie zahlreiche Vorträge gehalten, zuletzt in der Site Gallery in Sheffield und im Rijksmuseum Amsterdam.

Denisa Kollarová studierte an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Ihr Interesse als Künstlerin, Autorin und Ausstellungsmacherin gilt vor allem Ruinen, öffentlichen Räumen, sozialer Architektur, Stadtplanung und utopischen Stadkonzeptionen. Ihre neuesten Projekte sind Under My Own Construction of Ruins und Migration of Form. Sie lebt und arbeitet in Amsterdam.

Anna van Lingen hat ihr Studium ebenfalls an der Gerrit Rietveld Academie abgeschlossen. Als freie Grafikdesignerin beschäftigt sie sich in künstlerischen Buch- und Fotoarbeiten wie Amsterdam 1855-2013 und Tussentijds („Dazwischen“) mit Themen aus Architektur und Urbanismus, vor allem dem Altern von Städten und Gebäuden. Gemeinsam mit Denisa Kollarová forscht sie über das kindliche Spiel und seine Orte. Sie lebt und arbeitet in Amsterdam.

Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der englischsprachige Vortrag findet im SANAA-Gebäude auf dem Campus Zollverein der Folkwang Universität der Künste statt und beginnt am 3. Mai 2016 um 18 Uhr. Dem Vortrag folgt eine gemeinschaftliche Diskussion.