»WIR SIND NACHBARN«

EIN PARTIZIPATIVES PROJEKT

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Als Nachbarn und gemeinsam mit Nachbarn entwickeln Studierende der Folkwang Universität der Künste neue Ideen für das Zusammenleben im Essener Eltingviertel.


Das Folkwang LAB motiviert Studierende der Gestaltung, der Kunst- und Designwissenschaften, der Musik und Musikwissenschaften, des Tanzes und Theaters, sich mit den Fragen zu beschäftigen, welche Bedeutung die Nachbarschaft für das Zusammenleben der Menschen in der Stadt hat. Wie kann man von einem räumlichen Nebeneinander zu einem Miteinander gelangen? Welche Rolle spielen dabei künstlerische, gestalterische und wissenschaftliche Tätigkeiten und wie können diese gemeinsam mit Nachbarn für die Nachbarschaft eingesetzt werden?

Studierende aller Fachbereiche der Folkwang Universität der Künste werden in der Projektphase das Essener Eltingviertel gemeinsam mit dessen BewohnerInnen besser kennenlernen und Ideen für das Zusammenleben von morgen entwickeln. Ausgangspunkt für Lernen, Lehren, Kreieren, Intervenieren und (Raum)Erleben ist das VierViertel, ein ehemaliger Kiosk im Herzen des Eltingviertels, ein für das Ruhrgebiet typisches urbanes Arbeiterviertel, dessen öffentliche und gewerbliche Infrastrukturen die Vielfalt der Bewohnerschaft widerspiegelt. So befinden sich hier Pizzerien, eine Spielhalle, Schulen, Kioske, Parks und Plätze, ein Seniorenheim, beliebte Diskounter, ein Reptilienfachgeschäft und viele weitere Orte, an denen „wir Nachbarn“ uns begegnen können.


In Politik, Verwaltung und Planung herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Nachbarschaften in denen z. B. nur reiche oder nur arme Bevölkerungsgruppen wohnen, negative Auswirkungen auf den Zusammenhalt in der Stadt haben. Die zunehmende soziale Polarisierung der Städte ist insbesondere für ärmere Stadtteile folgenreich. Eine Konzentration benachteiligter Gruppen innerhalb einer Nachbarschaft führt zu weiterer Benachteiligung, auch für Neuzuziehende. Um diesen Effekten entgegenzuwirken wird von Politik und Verwaltung häufig eine „soziale Mischung“ in den Nachbarschaften angestrebt. Von dieser Mischung erhofft man sich wechselseitige Lerneffekte, gegenseitige Toleranz und mehr gesellschaftliche Teilhabechancen für die benachteiligten Gruppen. Uneinigkeit herrscht jedoch nach wie vor über die Frage, was eine „funktionierende Mischung“ im Sinne eines friedlichen Miteinanders auszeichnet und wie diese erreicht werden kann. Aus wissenschaftlicher Sicht wird kritisiert, dass es ohnehin nicht ausreiche Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten räumlich zu „mischen“ ohne auch für Möglichkeiten der positiven Begegnung und des Kennenlernens zu sorgen, die letztendlich das Zusammenleben in der Nachbarschaft befördern. Wie gelangt man also von einem räumlichen Nebeneinander zu einem sozialen Miteinander?
Mit planerischen und architektonischen Mitteln ist die Frage nur bedingt zu beantworten. Vielmehr bedarf es Lösungen, die gemeinsam in der Nachbarschaft und mit der Nachbarschaft erarbeitet werden.
Doch was ist in diesem Zusammenhang unter Nachbarschaft zu verstehen? Neben einer starren Definition, wie sie von Kommunen und Planung verwendet wird um einzelne Räume innerhalb der Stadt anhand großer Straßen, Flüsse, Grünflächen oder Bahntrassen in Stadtteile zu unterteilen, existieren weitere Verständnisse. Diese orientieren sich am subjektiven Raumempfinden und stellen das Erleben des Raums durch dessen BewohnerInnen in den Vordergrund. So werden nicht nur bauliche Grenzen, sondern auch soziale und funktionale Eigenschaften der Nachbarschaft offengelegt und für die Projektarbeit nutzbar gemacht. Darunter sind Orte zu verstehen, denen abseits ihrer zunächst offensichtlichen Funktion - Spielplätze zur Freizeitgestaltung oder Kioske für den alltäglichen Bedarf auch eine soziale Bedeutung (z. B. als Treffpunkt für Klatsch und Tratsch) zugeschrieben werden kann.

 

 

 

Die Bewohnerschaft innerhalb einer Nachbarschaft ist nicht statisch. Ähnlich wie bauliche und gewerbliche Aspekte befinden sie sich in einem ständigen Wandel, angetrieben durch lokale, regionale, nationale und globale Einflüsse. So werden Baulücken geschlossen, Wohnungen aufgeteilt und verkleinert, Mieten steigen oder fallen, Eigentum wird gebildet oder veräußert. Diese baulichen Veränderungen führen auch zu Veränderungen in der Bewohnerschaft. Mit steigenden oder fallenden Mieten schließt oder öffnet sich die Nachbarschaft für einkommens-schwächere BewohnerInnen. Während in Einzimmerwohnungen eher StudentenInnen ziehen, benötigen große Familien mehrere Zimmer. Andersherum kann auch eine spezifische Nachfrage ein entsprechendes Wohnungsangebot in einer Nachbarschaft hervorrufen. Verbessert sich z. B. die Anbindung an den überregionalen ÖPNV kann ein Wohnort plötzlich für besserverdienende BerufspendlerInnen mit Eigentumswunsch interessant werden. Auf diese Art und Weise verändert sich die Zusammensetzung einer Nachbarschaft, was auch Folgen für deren gewerblichen Charakter hat. Steigende Mieten und Eigentum ziehen einkommensstärkere Bevölkerungsschichten an, die wiederum mehr Kaufkraftin die Nachbarschaft bringen und andere Produkte nachfragen als die alteingesessene Bevölkerung. Daraufhin wandelt sich die lokale Gewerbestruktur: in vormals leerstehenden Ladenlokalen eröffnen z. B. neue Cafés. Steigende Gewerbemieten führen zur Schließung von z. B. alteingesessenen Handwerksbetrieben und inhabergeführten Bäckereien.

Letztlich spiegeln sich positive wie negative Veränderungen auch in der Wahrnehmung der Nachbarschaft durch BewohnerInnen, Außenstehende und Medien wider. Ein Imagewandel findet statt. Die hier beispielhaft skizzierten sozialen, baulichen, gewerblichen und symbolischen Veränderungen einer Nachbarschaft stehen miteinander in Wechselwirkung und bilden gleichzeitig die Rahmenbedingungen für ein Zusammenleben in der Nachbarschaft.



Die Stadtverwaltung fördert die Sanierung von Gebieten. Geschäftsleute entscheiden über Ort und Konzept eines Ladenlokals. ImmobilienentwicklerInnen schließen Baulücken mit Eigentumswohnungen. LandschaftsgärtnerInnen gestalten Plätze und Grünflächen. BewohnerInnen entscheiden über Zu- und Wegzug. VermieterInnen legen die Mieten fest. JournalistenInnen berichten über Ereignisse in einer Nachbarschaft. Sozialer, baulicher, gewerblicher und auch der Imagewandel einer Nachbarschaft wird von Beteiligten gestaltet. Diese Gestaltung muss nicht zwangsläufig „von Oben“ erfolgen. Auch die BewohnerInnen einer Nachbarschaft können zur ihrer Veränderung beitragen.

Das Folkwang Lab „Wir sind Nachbarn“ möchte dies am Beispiel des Essener Eltingviertels zeigen und bezieht aus diesem Grund seinen räumlichen Ausgangspunkt im Atelier VierViertel in der Altenessener Straße.



Das Eltingviertel ist Teil des Essener Nordviertels und grenzt im Norden an die Innenstadt. Es ist über mehrere Linien u. a. von der Haltestelle „Am Freistein“ in ca. 7 Minuten vom Hauptbahnhof zu erreichen. Benannt ist das Viertel nach dem Sägewerkbesitzer Hermann Elting, der das Viertel gegen Ende des 19. Jahrhunderts unweit der damaligen Zeche Victoria Mathias errichten ließ. Die gründerzeitliche Bebauung ist in weiten Teilen erhalten oder wurde nach dem Krieg originalgetreu rekonstruiert. Im Zentrum liegt der Eltingplatz, der ursprünglich die Funktion eines Marktplatzes erfüllte. Wie viele andere gründerzeitliche Arbeiterquartiere zeichnet sich das Gebiet durch eine Mischnutzung (Wohnen und Gewerbe) aus. Dementsprechend befinden sich im Gebiet auch Ladenlokale, die z. B. als Kiosk, Bäckerei, Atelier, Imbiss oder Jugendtreff genutzt werden und damit überwiegend die alltägliche Versorgung der Bewohnerschaft sichern.

Ein Blick in die amtliche Statistik der Stadt Essen zeigt: das Nordviertel hat ca. 8 700 EinwohnerInnen (zum Vergleich: Essen hat ca. 580 000 EinwohnerInnen), von denen ein Großteil auf das darin befindliche Eltingviertel entfällt. Die übrige Fläche wird vor allem durch die Universität und Gewerbeparks genutzt. Es handelt sich um einen der jüngsten und kinderreichsten Stadtteile in Essen. 22% der Haushalte mit Kindern haben drei oder mehr Kinder. Jeder dritte Haushalt mit Kind ist alleinerziehend. 38% der Bewohner beziehen existenzsichernde Leistungen und 69% der unter 15-jährigen leben in Haushalten, die Grundsicherung für Arbeitssuchende beziehen. Beides sind Indikatoren für eine im gesamtstädtischen Vergleich erhöhte Armut.

Um in der Nachbarschaft gemeinsam mit den NachbarInnen etwas zu verändern, muss man diese zunächst kennenlernen und verstehen. Dazu erlernen die Studierenden der Folkwang Universität der Künste, neben künstlerisch und kreativ partizipativen Methoden, einige Methoden der empirischen Sozialforschung und werden diese in der Nachbarschaft gemeinsam mit den NachbarInnen anwenden. Diese dienen dazu Bedürfnisse und Alltagsroutinen offenzulegen und damit zum Gegenstand der Bearbeitung zu machen. Bei den NachbarInnen kann damit ein Reflexionsprozess angestoßen werden, der ihnen einen alternativen Blick auf ihre gewohnte Umgebung gewährt. Angewandt werden u. a. verschiedene Formen des qualitativen Interviews, Gruppendiskussionen, Beobachtungen, fotografische Methoden, Medienanalysen oder auch Kurzumfragen. Ziel ist es, eine Wissensgrundlage und einen Ideenfundus für die weitere künstlerische und gestalterische Arbeit zu schaffen.
NachbarInnen sind ExpertInnen in ihrem Viertel und somit die idealen Co-EntwicklerInnen im Projekt.

Sie agieren mit den Studierenden auf Augenhöhe und bereichern den gesamten Prozess durch Erfahrungen, Expertise, Emotionen, Werte, Bedürfnisse und vieles mehr. Sie verhelfen den Projekten zu einer neuen Qualität und Andersartigkeit. Um effizient und zielführend mit Co-EntwicklernInnen zusammen arbeiten zu können, benötigen die Studierenden ein Repertoire an Methoden für den partizipativen Prozess. Diese werden ihnen im Laufe des LABs theoretisch und praktisch vermittelt.

Das Projektteam besteht aus Prof. (stv.) Carolin Schreiber und dem Soziologen Jan Üblacker (M.Sc. Soziologie und empirische Sozialforschung) und wird tatkräftig unterstützt von den Heterotopia Studentinnen Sophie Gnest und Maren Precht. Der partizipative Prozess wurde durch zahlreiche Vorträge, Workshops und Stadtteilspaziergänge mit Experten und Stadtteilakteuren belebt.

Flyer

Die Projektergebnisse werden zudem von der Projektleitung in einer Publikation im Laufe des Jahres 2017/18 veröffentlicht.

 

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