KENNEN WIR UNS?

Ein partizipatives Projekt zur Neuentdeckung einer vermeintlich vergessenen Lebensqualität in einer fremden Welt aus dem Wintersemester 2015/16

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Plakat: Diana Tessmer

 

Das diesjährige Folkwang LAB „Kennen wir uns?“ motiviert Studierende der Gestaltung (Industriedesign, Kommunikationsdesign, Fotografie, Heterotopia), der Musik und Musikwissenschaften, des Tanzes und Theaters, sich mit Demenzkranken, deren Angehörigen und (pflegendem) Umfeld zur Neuentdeckung einer vermeintlich vergessenen Lebensqualität in einer - für uns - sehr fremden Welt zu beschäftigen.
In der Bundesrepublik Deutschland ist mit einem Anstieg der Demenz von heute
1,3 Millionen Betroffenen auf voraussichtlich 2,6 Millionen in 2050 zu rechnen. In der Metropole Ruhr, dem Ballungsraum mit den eng aneinander liegenden Städten Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund etc. zeichnet sich der (zweite) demographische Übergang ganz besonders durch den Trend “älter”, “weniger”, “bunter” ab. Die Überalterung der städtischen Bevölkerung ist hier besonders ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ballungsräumen in Deutschland. Steigt die Lebenserwartung, so steigt auch das Risiko im so genannten letzten Lebensabschnitt an einer Form der Demenz zu erkranken.
Die Diagnose trifft nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Umfeld. Die komplexe Krankheit ist in ihrem Verlauf schlecht einschätzbar und von Patient zu Patient verschieden.

Demenzkranke können sogar noch etwas lernen, weiß Anke Feierabend, die als Geigenlehrerin eine geragogische Lehrmethode entwickelt und einer stark dementiell erkrankten Dame schon 60 Musikstücke auf der Viola beigebracht hat. Ihre Methode wird bereits deutschlandweit geschult und Musiklehrer dahingehend ausgebildet. Der Umgang mit Musikinstrumenten muss dabei flexibel gehandhabt werden. Oft sind Modifikationen notwendig oder Musikstücke müssen angepasst werden.
Anke Feierabend spricht davon, dass Menschen mit leichter Demenz „Unterrichte“ lieben - denn im Unterricht LERNT man etwas, wohingegen man sich für Therapien oft nicht begeistern kann, denn das klänge nach „Krankheit“. Unterricht für Demenzkranke, in allen Bereichen, bräuchten aber unzählige (noch unbekannte) Hilfsmittel und neue Methoden.


Was passiert im LAB?

Im LAB soll das Thema der Demenz unter dem Einfluss unterschiedlicher künstlerischer Disziplinen Bearbeitung finden. Das LAB wird den Versuch unternehmen, eine gemeinsame Sprache/gestalterische Ebene/(un)logische Methodik zu definieren, durch die gemeinsame Arbeit mit Betroffenen (Erkrankte, Angehörige, Pfleger) neue Lösungen zur Steigerung der Lebensqualität generiert werden können. Diese Lösungen könnten sich in Produkten, Kampagnen, Interventionen, Fotografien, Filmen, Services, darstellender Kunst, Unterrichtsmethoden, Musik oder Texten etc. widerspiegeln.

Als externer Partner steht ein belgisches Forscherteam, das durch die Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, an der Seite des LAB-Teams. Andrea Wilkinson und Niels Hendriks (Social Spaces Research Group, LUCA School of Arts, Belgien) arbeiten an dem internationalen Forschungsprojekt “Participatory Design for older people needing care and with Dementia”, das die Partizipation mit Demenzkranken in den Mittelpunkt stellt. Die belgischen, art-based researcher (www.dementielab.be) arbeiten seit Jahren in mehreren Projekten mit Demenzkranken zusammen und streben den Austausch mit sechs deutschen Hochschulen an. Sie werden ihr Wissen in zwei Workshops weitergeben und uns weiter beratend zur Verfügung stehen.

Weitere lokale Partner sind die Pflegeheime Haus Berge (Memory Clinic/Contilia Gruppe), St. Andreas in Essen Rüttenscheid und das Marienheim in Essen-Überruhr. Hier treffen die Studierenden auf eine große Anzahl an Demenzkranken und ihren Angehörigen und Pflegern. Sie erleben gemeinsame Aktivierungsprogramme, essen und trinken gemeinsam und begleiten die Erkrankten auf ihrem Weg durch den Alltag. Eine wissenschaftliche Grundlage wird von unterschiedlichen Experten aus den Bereichen Psychologie, Geriatrie und Medizin, Soziologie, Pädagogik, Physiotherapie, professionelle Pflege und Betreuung/Hilfe für Angehörige in Form von Vorträgen abgedeckt.

In einer ersten gemeinsamen Art-Based/Practice-Based Research Phase durchlaufen die Stuiderenden grundlegende Workshops, die Ihnen wichtige Informationen zum Leben mit Demenz vermitteln, sie zu empathischen Feldforschern machen und Methoden zum partizipativen Arbeiten näher bringen.
In einer zweiten Arbeitsphase nehmen sie in der Zeit des Selbststudiums am Alltag der Dementen, Angehörigen und/oder Pflegenden teil und erprobt in experimenteller, explorativer Arbeitsweise neue Methoden des partizipativen, künstlerischen Arbeitens mit den Zielgruppen.
In der dritten und letzten Projektphase werden die Ergebnisse resümiert und in Lösungen umgesetzt, die das primäre Ziel haben, die Lebensqualität des (Zusammen-)Lebens zu steigern.
Hierbei haben die Studierenden freie Wahl des gestalterischen Mediums (Inszenierung, Tanz, Musik, Foto, Film, Animation, Produkt, Publikation etc.). Neben der detaillierten Ausarbeitung der erdachten Lösung muss in gleichwertiger Qualität auch der Entstehungsprozess dokumentiert und analysiert werden. Auch hier ist das Medium zur Dokumentation frei wählbar.


Die Lehrziele

Lehrziele des Folkwang LABs “Kennen wir uns?“ sind die Entwicklungen von Denkweisen, Fertigkeiten sowie Methoden im Umgang mit Lösungsgenerierungsprozessen und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Disziplinen (inter- oder transdisziplinär) zur Herausbildung eines kombinatorischen Denkens für eine fächerübergreifenden Kompetenz. Die Förderung der Fähigkeiten zur Erarbeitung einer eigenständigen Entwurfs- bzw. Projektarbeit steht im Fokus. Eine Förderung der sozialen und kommunikativen Kompetenz in Bezug auf Diskussion-, Reflexion- und Präsentationsfähigkeiten wird durch aktive Gruppen- und Seminararbeit angestrebt. Erste Berührungen mit weiterführenden Research Methoden z. B. partizipative Projektarbeit (Planung, Durchführung, Transformation der Ergebnisse in eine gemeinsame Lösung/Form) werden gemacht.

Die Projektergebnisse werden voraussichtlich im Laufe der nächsten zwei Jahre (inter-)national  der Öffentlichkeit vorgestellt (Messen, Ausstellungen, Symposien) und in einer Publikation im Laufe des Jahres 2016 veröffentlicht.


 

Ars legendi-Preis 2016 für das Folkwang LAB „Kennen wir uns?“

Prof. (stv.) Carolin Schreiber und Dipl. Des. Nina Pillen wurden für das Folkwang LAB „Kennen wir uns?“ mit dem Ars legendi-Preis 2016 geehrt. Verliehen wird die Auszeichnung vom Stifterverband und der Hochschulrektorenkonferenz zum Thema „Diversitätsgerechtes Lehren und Lernen“.

Näheres zur Auszeichnung finden Sie HIER.

Die komplette Beschreibung des LABs finden Sie HIER.

Die eigene Internetseite des Folkwang LABs finden Sie HIER.

 

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