Von der Essstörung bis hin zur Absurdität des Seins – bei den Solostücken des Zweiten Jahres Physical Theatre geht’s ans Eingemachte

Vom 21. bis 24. Mai präsentiert das zweite Jahr Physical Theatre seine selbst gearbeiteten Solo-Stücke. Die Vorstellung mit den vier ca. viertelstündigen Werke beginnt jeweils um 19.30 Uhr und wird im Studio 1 der Meierei/Campus Werden hochschulöffentlich gezeigt. Kommen lohnt sich, denn thematisch wird wohl für jeden von Euch etwas dabei sein.

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Die große Aufgabe für den zweiten Jahrgang im Studiengang Physical Theatre besteht darin, ein Solo auf die Bühne zu bringen. Theatral soll es sein - das Thema kann man frei wählen, je nach Laune und Interesse - und physisch, das gehört natürlich auch dazu, sonst würde man ja kein Physical Theatre studieren. Dieser Aufgabe muss sich jede/r Studierende unseres Studienganges stellen. Auch die jetzigen DrittsemesterInnen Ivo Schneider, Mats Süthoff, Saskia Rudat und Clara Gohmert, deren Stücke in der kommenden Woche aufgeführt werden.

Alles beginnt mit einem Konzept. So war das auch bei den aktuellen vier Solo-Arbeiten. Darin vorkommen sollte das frei wählbare Thema, beziehungsweise die Ausgangsthese, Assoziationen dazu, Rechercheergebnisse, wahlweise auch schon die Herangehensweise an die Thematik und die Proben. Zum Auftakt des Probenprozesses mussten dann alle vier Physical Studis vor ihrem Professor Thomas Stich eine Lecture (Demonstration) zeigen. Diese kurze, meist improvisierte Performance hatte den Nutzen, einen ersten auf der Bühne stattfindenden Einblick in das Stück zu geben. Die Umsetzung war dabei vollkommen frei. Es folgten sechs Wochen Probenzeit. Pro Woche gab es zwei festgesetzte Zeigetermine mit dem Professor, der als Mentor oder auch Dramaturg auftrat. Professor Stich spiegelte das Gesehene wider und stellte Fragen. Zusätzlich konnten die Studierenden weiteren Personen ihren Probenstand zeigen, die dann als so genanntes „Outside Eye“ fungierten und Feedback gaben.

Ivo Schneider wird den Abend mit seinem Stück Rinderwahn eröffnen. Sein Ausgangspunkt war der 4. Februar 2014 – ein einschneidendes Datum für ihn als Schweizer, hat die Schweiz an diesem Tag die eidgenössische Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» angenommen. Er hat sich gefragt, wie es mit der Schweiz nun weitergehen solle, wo diese folgenschwere Entscheidung hinführe, beziehungsweise - und jetzt wird es spannend - hinführen könnte.

Folgen wird Mats Süthoff mit seiner Arbeit Ï€ x Daumen; ein Stück über den Kreis. Seine Ausgangsthese: Der Mensch baut sich andauernd seine Kreise auf und zerstört sie am laufenden Band wieder. Dies tue er, um sich lebendig zu fühlen. Von seiner Probenzeit sagt er, sie „war selbst ein Kreis“: Er sei jetzt wieder da, wo er begonnen habe.

Das dritte Solostück, weniger ist mehr von Saskia Rudat, wird das Thema Anorexia Nervosa behandeln. Die Darstellerin interessierte sich für die Beziehung von Betroffenen zu ihrer Krankheit und ließ ihre Recherche um die Frage kreisen, ob die Essstörung für sie selbst nachvollziehbar ist. Saskia unternimmt den wagemutigen Versuch, die Innenwelt eines anorektischen Menschen auf die Bühne zu bringen.

Clara Gohmert wird den Abend mit Wenn ich diesen Garten seh, könnt ich kotzen abschließen. Sie setzte sich mit der Frage auseinander, wie das Ich die Welt begreift und sich in ihr einordnet. Auch ihr Stück wird ein Versuch sein. Ein Versuch, die Sinnhaftigkeit der Existenz zu verstehen und die Absurdität des Daseins aufzudecken.

Die Erarbeitung des ersten eigenen Solos im dritten Semester ist eine wichtige Zeit für uns Physical Theatre Studierende: Zum ersten Mal ist man komplett auf sich allein gestellt, wenn man von der mentorenhaften Betreuung unseres Professors absieht: Angefangen von der Themenfindung über Recherche, Konzeptverfassung, Performance-Erarbeitung bis hin zur Organisation der Proben, Probendurchführung und Aufführung macht man alles alleine. Nach diesem Semester ist man dem deklarierten Ziel des Physical Theatre-Studiums ein ziemlich gutes Stück näher gerückt: der Ausbildung einer individuellen Künstleridentität mit eigener Ausdrucksform.

Ich persönlich freue mich sehr auf die Solo-Arbeiten des Zweiten Jahres, habe ich den gleichen Prozess ja schließlich selber vor genau einem Jahr durchmachen müssen. Und jetzt, da ich weiß, worum es geht, freue ich mich noch mehr – schließlich werden Themen behandelt, die uns alle was angehen. Toi toi toi an Ivo, Mats, Saskia und Clara! Fühlt euch dreimal über die Schulter gespuckt!

Ein Veranstaltungshinweis im Rahmen des Projekts Folkwang StudiScouts.

 

Constantin Hochkeppel / 15. Mai 2014