Musik

Exemplarische Klangflächen, Reflektionen und Windbewegung in Ruhe

Das ensemble folkwang modern, unter der Leitung von Eva Fodor gestaltete vergangenen Samstag, 16. November, einen weiteren Teil der Festivalreihe „NOW“ sound surround, diesmal in der Neuen Aula der Folkwang Universität der Künste. Auf dem Programm standen Luigi Nonos „Post-Prae-Ludium per Donau“ für Tuba und Live-Elektronik, Peter Eötvös „Windsequenzen“ für Flöte und Ensemble, sowie „Klicksonar“, eine Uraufführung von Roman Pfeifer.

 

Das 1987 entstandene Werk „Post-Prae-Ludium per Donau“, mit Tubisten Jan Termath, verweist schon im Titel auf eine Gleichzeitigkeit, eine Gleichwertigkeit zwischen Musiker und Elektronik, die sich im Höreindruck bestätigt. Der erste der aus zwei Teilen bestehenden Komposition ist durch ein Delay in der Elektronik bestimmt. Die Tuba spielt hier in sehr hoher Lage, gefolgt von den Verzögerungen, Echos im circa fünf- bis zehn-Sekunden-Abständen; die Gleichwertigkeit nimmt hier deutliche Gestalt an. Der zweite Teil ist vor allem durch Klangflächen bestimmt. Gezieltes Einbringen und Auskosten von Schwebungen und klangfarblichen Veränderungen gestalten diesen Abschnitt. Diese exemplarischen Klangflächen breiten sich durch vier im Saal befindliche Lautsprecher aus und lenken den Fokus vom Tubisten auf der Bühne. Auch dadurch wird die Gleichwertigkeit unterstrichen.

Die Uraufführung „Klicksonar“, ein Auftragswerk der Philharmonie Essen, gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, beschreibt eine Art musikalischer Blindenschrift. Klicksonar ist eine Technik, Schnalzlaute und deren Echos in Verbindung zu setzen, sodass geübte Hörer dadurch nicht nur grobe Unterschiede in der Umgebung erfassen können, sondern auch Landschaften wie Bäume oder Straßenlaternen. Das präsentierte Stück für Ensemble und Live-Elektronik projizierte genau diesen Effekt mithilfe von Echos und Delays durch installierte Lautsprecher in die Neue Aula der Folkwang Universität der Künste. Rhythmische Präzision, nicht zuletzt um die Ensembleklänge mit den elektronischen Echos und Delays zu koordinieren, stand im Vordergrund, sodass Dirigentin Eva Fodor mit Metronom auf 80 Schlägen pro Minute dirigierte. Auch bei der Erarbeitung des Stückes zusammen mit Roman Pfeifer, so sagt sie, standen aufführungstechnische Aspekte im Vordergrund, um eben jenen Effekt zu erzeugen, den sich der Komponist wünschte. Klar wurden auch die verschiedenen Echoarten, die jeder aus dem täglichen Umfeld kennt: Vom kurzen, prägnanten Echo bis hin zum längeren Nachhall spielte das ensemble folkwang modern differenziert und in erkennbarer Einheit zur Elektronik.

Peter Eötvös‘ „Windsequenzen“ für Flöte und Ensemble war, so beschrieb Fodor erneut, ein Hauch einer zweiten Uraufführung an diesem Abend. Das siebenteilige Stück wurde vom Komponisten immer wieder, zuletzt 2002, überarbeitet. Die Dirigentin, die selbst bei Eötvös lernte, stand mit ihm in der Erarbeitungsphase immer wieder im Kontakt, um auch letzte Töne und Feinheiten in den Stimmen zu ändern. Als Grundlage diente jedoch die aktuellste Fassung von 2002.

„Windsequenzen“ lässt sich generell als eine Komposition beschreiben, die gezielt Obertöne erzeugt oder eben nicht erzeugt. So wird beispielsweise die Flöte mit einem Flaschenkorken verschlossen, sodass gewisse Obertöne nicht erklingen. Weiterhin spielt Eötvös mit Differenztönen, also Tönen die nicht gespielt werden, durch Kombinationen von gespielten Tönen allerdings doch deutlich hörbar werden.

Eva Fodor beschreibt die Komposition als eine Art Urtonalität, da tonale Akkorde die Grundlage bieten, welche dann mit Viertel- und Achteltönen angereichert werden. So werden Dur- oder Septakkorde zum Beispiel im Kontrabass oder in der Tuba gespielt, über die die Holzbläser Melodielinien legen. Mit der Stimme erzeugte Windgeräusche gehen hier immer wieder colla parte mit den Holzbläsern, die zwar an wenigen Stellen nicht genau einsetzten, jedoch im Verlauf des Stückes präzise spielten. Motivische Arbeit, wie Zitate aus „Windstille I“, dem ersten Satz, in den späteren Sätzen und ausgespielte rhythmische Arbeit in ritardandi gelangen hier ebenfalls. Beschlossen wurde „Windsequenzen“ mit „Windstille II“,  einem langen Akkordeonsolo, das von Flöte und Tuba umrahmt wurde. Auch hier, analog zum Titel, schien die Zeit still zu stehen, der Gedanke der Windstille wurde deutlich dargestellt.

Kornelia Bittmann (WDR 2002, eotvospeter.com/index.php; targetpage=texts&current_menu=compositions_commissions) beschrieb das Stück als „Ruhe in Bewegung, Bewegung in Ruhe“, ein Bild, dass Fodor zu gern teilt. „Um diese rhythmische Differenzierung auszuarbeiten braucht man eine erstaunliche Ruhe und Genauigkeit. Diese Präzision klingt dann auf der Bühne wie ein sehr freies Tempo. Hier hat man bei der Erarbeitung Bewegung in Ruhe, die dann bei der Aufführung erstaunliche Ruhe ausstrahlt.“

Eva Fodor hat 2005 das ensemble folkwang modern übernommen. Besonders spannend an der Arbeit mit diesem Ensemble sei die immer wechselnde Besetzung und das dadurch immer wechselnde Arbeitsverhalten. Sie beschreibt: „Wenn ich mit einem Ensemble durchgehend zusammen arbeite, dann spielen sich alle aufeinander ein, man kennt sich. Dadurch, dass die Instrumentalisten immer andere sind, ist es immer ein neues Ensemble, ein besonderer Anreiz. Die Professionalität wird natürlich erhalten, das macht die Arbeit spannend.“ Auch die Freude, Studentinnen und Studenten zu beobachten, wie sie Fortschritte machen und neue Spieltechniken erlernen wäre ein Anreiz, den ein anderes, festes Ensemble nicht liefern könne.

In den zukünftigen Semestern stehen immer wieder Projekte mit Neuer Musik an, bei denen sich um ein ausgewogenes Programm im Mittelpunkt steht. So sagt Fodor: „Wir versuchen da alles unterzubringen. Von der klassischen Neuen Musik bis hin zu Musik von Folkwang-Komponistinnen und -Komponisten. Auch das macht folkwang modern besonders.“

Ein Beitrag im Rahmen des Projekts "Folkwang StudiScouts".

 

Viktor Seedorf / 21. November 2013