Folkwang

Persönliche Erinnerung an Prof. Wolfgang Hufschmidt

Von Prof. Matthias Schlothfeldt, ehemaliger Student von Prof. Hufschmidt

 

„Epitaph im Regen“

 

Wer sich mit einer der Kompositionen von Wolfgang Hufschmidt auseinandersetzt oder eines seiner Bücher aufschlägt, betritt ein Universum der Klarheit, in dem Zusammenhänge aufgedeckt und Verbindungen hergestellt werden. Jedes Gespräch mit diesem liebevollen, warmherzigen, gütigen Menschen war für mich erhellend und bereichernd. Der Gedanke ist schwer zu ertragen, dass ein solches Gespräch nicht mehr möglich sein soll.

 

 

Foto: privat

Foto: privat

 

Wolfgang Hufschmidt hinterlässt ein beachtliches Lebenswerk – als Komponist, als Musiktheoretiker, als Buchautor, als Lehrer. Als Student habe ich erlebt, wie eng diese Tätigkeiten bei ihm miteinander zusammenhingen und wie sehr Unterrichten, Werkbetrachtung und Komponieren aufeinander einwirkten und sich ergänzten.

 

Als Lehrer ist Wolfgang Hufschmidt vorbildlich, mir als Schüler stets zugewandt, dabei unbestechlich. Seine Begeisterung für den Gegenstand ist immer ansteckend. Er bezieht im Unterricht klare Positionen zugunsten der Anschaulichkeit, reduziert komplexe Sachverhalte auf ihre Essenz. Auf diesem Weg hilft er seinen Studierenden, eigene Positionen zu entwickeln – und sich zu bilden.

Als ich Wolfgang Hufschmidt kennenlerne, ist er bereits Rektor. Wie seine Amtszeiten ist auch sein Unterricht geprägt von dem Gedanken, dass, wer nur etwas von Musik versteht, auch davon nichts versteht. Den von Hanns Eisler stammenden Gedanken zitiert er oft. Folglich finden meine ersten Unterrichtsstunden mit der Kompositionsklasse im Tanzsaal statt, wo Jean Cébron uns in den zeitgenössischen Tanz einführt, oder am Filmschnittplatz.

Die Titel seiner Bücher verraten, was ihn ein Leben lang umgetrieben hat: „Denken in Tönen“, „Struktur und Semantik“.  In „Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh’n“ werden Eislers „Hollywood-Liederbuch“ und Schuberts „Winterreise“ untersucht. Über deren Schlusslied, den im Pianissimo gehaltenen „Leiermann“, schreibt Wolfgang Hufschmidt, dass das einzige Forte am Ende des Liedes sich wörtlich-räumlich verstehen lässt: die Musik des Leiermanns ist plötzlich da; und weiter, dass die räumliche Nähe aber die menschliche Nähe mit meint.

In diesem Sinne besteht Wolfgang Hufschmidt darauf, dass Musik Bedeutung hat, die man suchen muss und finden kann. Seine Kompositionen wollen nicht bloß um ihrer selbst Willen da sein, sondern, um Luther zu zitieren, „sing’n und sagen“. Das gilt für die zahlreichen Kompositionen, die in seiner Zeit als Kirchenmusiker entstanden und 1958-68 im Bärenreiter Verlag erschienen sind, genauso wie für die späteren Werke, die einen Lernprozess und eine Neupositionierung in ästhetischer wie auch in politischer Hinsicht darstellen und zugleich dokumentieren. Zentral ist sicher das „Meissner Tedeum“ aus dem Jahr 1967, das mit Luthers Texten und Gegentexten von Günter Grass Aufsehen erregt und unter abenteuerlichen Bedingungen uraufgeführt wird. Anlässlich der Wiederaufführung im Jahr 1997 erzählt Wolfgang Hufschmidt lebhaft, wie damals Tonbänder über die Grenze in die DDR geschmuggelt werden mussten.

Von Wolfgang Hufschmidts politischer Position und davon, dass er der Friedensbewegung nahesteht, weiß ich aus Gesprächen; wer ihn nicht kennt, kann es aber auch seinen Partituren entnehmen. Unmittelbar erlebe ich, wie sehr ihn die Ereignisse und Erkenntnisse der Zeit der Wende mitnehmen und berühren. Die Gründung der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft, deren Präsident er in den ersten Jahren ist, soll ein Beispiel für gelungene Wiedervereinigung werden.

Sprache und Literatur, Musik und Musikgeschichte, Bild und Film bleiben Ausgangs- und Bezugspunkt der Arbeit des Komponisten. Das multimediale „Ruhrwerk“ ist eine Gemeinschaftsproduktion mit Klaus Armbruster, deren Ausmaße ihn offenbar leicht beunruhigen, deren musikalisch-ästhetische und inhaltliche Dimensionen er aber in bewundernswerter Weise im Griff behält.

Klees „Angelus novus“ und Benjamins daran anknüpfende „Geschichtsphilosophische Thesen“ beschäftigen ihn über Jahrzehnte. „Der Ertrag seines Verfahrens besteht darin, dass im Werk das Lebenswerk, im Lebenswerk die Epoche und in der Epoche der gesamte Geschichtsverlauf aufbewahrt ist und aufgehoben.“ (Walter Benjamin) „Engel der Geschichte“ heißt der Zyklus der Kompositionen, die hier entstehen und mit denen auf Trümmer und Scherbenhaufen zurückgeblickt wird. Eine davon ist das „Epitaph im Regen“, das sich auf nach-trauernde Weise auf Schönbergs Klavierstück op. 19 Nr. 6 bezieht, welches selbst bereits ein Reflex auf Mahlers Tod ist und als Trauermusik aufgefasst wird.

Seinem Bruder Dieter (und seinen Neffen Stefan und Sebastian, die alle drei auf der CD-Einspielung lesen) widmet er „Vorübergehend gerettet“, eine Lesung für drei Sprecher und drei Instrumentalisten nach Fragmenten aus Raymond Federmans Roman „Die Nacht zum 21. Jahrhundert oder Aus dem Leben eines alten Mannes“. Die intensive Probenarbeit wird mir unvergesslich in Erinnerung bleiben. Die Aufführung auf Zollverein im April 2016 dirigiert der Komponist selbst.

Ich habe Wolfgang Hufschmidt als kommunikativen, am intensiven Austausch mit anderen interessierten Menschen erlebt. Für uns Studierende war er immer ansprechbar, auch wenn er sich als Rektor für die Einrichtung von Studiengängen in den Bereichen Jazz und Musical und für die Förderung der Elektronischen Musik eingesetzt hat, nach Nischni Nowgorod oder nach Tirana musste. Für seine Verdienste dort wird ihm später der Staatspreis von Albanien verliehen. Als ihm 2015 der Verdienstorden des Landes Nordrhein Westfalen verliehen wird, verwickelt er – der Etikette trotzend – die Ministerpräsidentin in ein Gespräch darüber, wovon seine Musik handelt und welche Zusammenhänge da zu den Aktivitäten der anderen Geehrten bestehen.

Wolfgang Hufschmidt hat mit seinen Büchern, seinen Kompositionen, seinem Unterricht, seiner Hochschultätigkeit die Welt ein bisschen besser gemacht, freundlicher und lebenswerter. Nun fehlt er. Wir werden ihn schmerzlich vermissen.

Prof. Matthias Schlothfeldt _ Professor für Musiktheorie an der Folkwang Universität der Künste

 

 

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19. Juli 2018