Folkwang

Artist Diploma Schauspiel am Campus Bochum

Abschlusspräsentation des 4. Jahrgangs Schauspiel am 04., 05. und 06. Februar

Am 04., 05. und 06. Februar 2016 präsentiert der Abschlussjahrgang des Studiengangs Schauspiel in der Black Box des Folkwang Theaterzentrums am Campus Bochum seine Eigenarbeiten. Theater - und filmbegeisterte ZuschauerInnen haben dann die einzigartige Möglichkeit, sich mit den Erzählweisen und Darstellungsformen einer neuen Generation von SchauspielerInnen auseinanderzusetzen. Diese jungen TheatermacherInnen verstehen sich nicht mehr nur als InterpretInnen fremder Stücke und Regiekonzepte. Vielmehr sind sie darüber hinaus in der Lage, mit eigenen Projekten relevante Aussagen über unsere Wirklichkeit zu treffen und in der ihnen eigenen Formensprache ein Publikum ästhetisch zu überzeugen.
Aufgrund der Vielzahl der Stücke, wird am Donnerstag, 04. Februar, um 19.00 Uhr der erste Teil der Abschlussarbeiten gezeigt. Am Freitag, 05. Februar, ist ab 19.00 Uhr der zweite Teil zu sehen. Wer alle Produktionen an einem Tag erleben möchte, hat dazu am Samstag, 06. Februar, die Gelegenheit. Das Programm beginnt um 15.00 Uhr und endet nach 23.00 Uhr. In den Pausen kann man bei Snacks und Getränken mit den Studierenden und ihren DozentInnen ins Gespräch kommen. Der Eintritt zu allen Vorstellungen ist frei.

AbsolventInnen Schauspiel | Foto: Jan Thierhoff

AbsolventInnen Schauspiel | Foto: Jan Thierhoff

 

Das Artist Diploma Studium an der Folkwang Universität der Künste ist in dieser Form bundesweit einmalig. Nach den obligatorischen acht Semestern legen die Studierenden ein Examen ab, in dem sie nicht nur die traditionellen Prüfungsteile einer umfassenden Schauspielausbildung bestehen müssen, sondern auch die Fähigkeit zur selbstständigen künstlerischen Arbeit unter Beweis stellen sollen.


Das breite Spektrum der Themen und Formate des diesjährigen Programms zeugt von der Vielseitigkeit der AbsolventInnen, die unter der Leitung von Prof. Noam Meiri und Gerold Theobalt ihre Abschlussarbeiten selbstständig entwickelt haben. Hilfestellung vonseiten einiger DozentInnen gab es immer nur auf Wunsch der Studierenden und auch nur dann, wenn eine konkrete Expertise gefragt war.

So individuell wie die jungen TheatermacherInnen sind auch ihre Abschlussarbeiten. Hier ein Überblick:
Stefan Herrmann zeigt eigene Dramulette in der Tradition der alten Geschichtenerzähler Oberitaliens, die schon große Theatermacher wie Luca Ronconi, Franca Rame oder den Nobelpreisträger Dario Fo nachhaltig inspiriert haben. Sein Maskenspiel zitiert die Stegreifkunst der Comedia Dell Arte, ohne sie zu imitieren. Einen ganz besonderen poetischen Reiz schafft der Switch zwischen Deutsch und Italienisch, den Herrmann virtuos beherrscht.
 
In der theatralisch überaus wirksamen Grauzone zwischen Sprachkomik, burleskem Spiel und situativer Doppeldeutigkeit haben Maximillian Pulst und Luca Zahn ihr selbstverfasstes Stück angesiedelt, das sie, zusammen mit Thomas Kaschel auf der Studiobühne Black Box zum Besten geben.

Nicht weniger vieldeutig und grotesk geht es in Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ zu, aus dem Christina Jung ein Kapitel für ihre hochdramatische  Darbietung adaptiert hat: Ein junger Europäer stattet seinem Onkel in den Vereinigten Staaten einen Besuch ab, der bereits nach kurzer Zeit albtraumhafte Züge annimmt...

Andreas Rother, Michael Knoefler und Benjamin Werner haben sich zu einem Filmteam zusammengeschlossen. Ihre Geschichte beginnt unspektakulär: Bei einer feucht-fröhlichen Geburtstagssause durchstreifen drei Freunde das hippe Berlin. Doch die Ausgelassenheit weicht allmählich einem Gefühl wachsender Unsicherheit und Beklemmung, das dank intensiver DarstellerInnen und einer überaus suggestiven Bildsprache sehr bald auch die ZuschauerInnen erfasst.

Luana Velis, Tochter eines chilenischen politischen Flüchtlings und Musikers, erinnert in ihrer szenisch-musikalischen Abschlussarbeit an die großartige chilenische Folksängerin und Bildende Künstlerin Violetta Parra (1917-67) - eine Spurensuche, die die junge Schauspielerin auch zu den eigenen kulturellen Wurzeln zurückführt. Dabei entdeckt sie die Lebenskünstlerin Parra, die mit ihrer Musik, ihrer Kunst und ihrem unorthodoxen Lebensstil Generationen junger Chilenen als Vorbild galt. Auch in politischer Hinsicht war sie in ihrer Heimat eine bedeutende Stimme  - als Künstlerin feierte man sie in ganz Europa, sogar in den USA. Heute scheint sie weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Doch nicht so ihr Lied an das Leben:"Gracias a la vida." Vioietta Parras eigenes Leben endete als Tragödie. Kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag beging sie Selbstmord. Luana Velis wird in ihrer Hommage den unbändigen Geist dieser bemerkenswerten Frau mit Poesie, Tanz, Theater und Musik wieder zum Leben erwecken.

„Shoemen Being“ betiteln Pola Jane O` Hara und ihr palästinensischer Partner Fares Abo Saleh ihre Videoperformance. Fares ist 23 und lebt als Schauspieler in Ramallah. Pola ist auch 23 und lebt als Schauspielerin in Bochum. Über ein Jahr lang haben die beiden miteinander Videogespräche geführt, um sich gegenseitig die Welten zu zeigen, in denen sie leben. Verfremdet wird diese Dokumentation durch zwischengeschnittene Handyvideos, in denen sich Pola und Fares als "Shoeman Beings" inszeniert haben. Das sind kafkaeske Wesen, die Schuhe an Händen und Füßen tragen. Es entsteht ein spannendes Spiel zwischen Realität und Absurdität, ebenso humorvoll wie politisch.
 
Winston Churchill nannte das Phänomen „meinen schwarzen Hund“, ein Monster, das es mit aller Macht zu vertreiben gilt. Die Rede ist von der Depression, jener Gemütskrankheit, die wie kaum eine andere die Seele des Menschen zerstört - sie gar zu verschlingen droht, wie das Schwarze Loch das Licht. Miriam Haltmeiers Performance rückt der Krankheit mit poetisch- theatralischen Mitteln buchstäblich zu Leibe. Im intensiven Zusammenspiel von Körper und Stimme, von Musik, Tanz und Sprache, macht sie erfahrbar, mit welcher Rücksichtslosigkeit Depressionen die Wahrnehmung besetzen und nachhaltig verändern. Zugleich zeigt sie aber auch den Kampf „der Frau“ gegen diese ominöse Macht, die aus dem tiefsten Inneren der eigenen Psyche aufzusteigen scheint und dabei doch so viel mit der Außenwelt zu tun hat.

 

Prof. Noam Meiri | Gerold Theobalt / 21. Januar 2016