Folkwang startet Forschungsprojekt zu Künstlicher Intelligenz mit Förderung der VolkswagenStiftung

Prof. Dr. Markus Rautzenberg leitet das interdisziplinäre Projekt, RWTH Aachen und die Unis Paderborn und Leuphana Lüneburg sind dabei

„Künstliche Intelligenz (KI) ist keine Zukunftstechnologie, sondern hat längst die Wohnzimmer und portablen smarten Systeme unserer Gesellschaft erreicht“, so die These von Folkwang Prof. Dr. Markus Rautzenberg, der soeben ein zunächst einjähriges Forschungsprojekt zum Thema KI mit Förderung der VolkswagenStiftung gestartet hat: „Mind the Game! Computer Games driving AI and transforming Society“ heißt dieses Projekt und will das Verhältnis von Mensch und Künstlicher Intelligenz in Computerspielen untersuchen.

Foto: privat

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Zum interdisziplinären Forscher*innen-Team gehören Medienwissenschaftler*innen, Soziolog*innen, Philosoph*innen, Psycholog*innen und Designer*innen der Folkwang Universität der Künste, der RWTH Aachen, der Universität Paderborn und der Leuphana Universität Lüneburg sowie KI- und Softwareentwickler*innen und VR-Techniker*innen von Ubisoft Blue Byte Düsseldorf.

 

Im Rahmen dieser interdisziplinären Zusammenarbeit wird virtuelle Realität erstmals als Ort erforscht, an dem Menschen in spielerischen Zusammenhängen mit Künstlicher Intelligenz interagieren. Die Bedeutung dieser Lernerfahrung für gesellschaftliche Zusammenhänge wird vom Forschungsteam sowohl theoretisch als auch empirisch und technologisch beleuchtet.

Die Leitung von „Mind the Game!“ liegt bei Prof. Dr. Markus Rautzenberg, Philosoph und Dekan des Fachbereichs Gestaltung an Folkwang.
Gefördert wird das Projekt von der VolkswagenStiftung im Rahmen des Schwerpunkts „Künstliche Intelligenz – Ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft von morgen“. Die VolkswagenStiftung zählt zu den größten Stiftungen Europas und ist zudem die größte private Wissenschaftsförderin in Deutschland.

Zu diesem hochaktuellen Forschungsprojekt hat die Folkwang Kommunikation Prof. Dr. Rautzenberg um Mitwirkung bei „Drei Fragen an…“ gebeten. Hier seine Antworten:

Was war für Sie die Motivation, dieses KI-Forschungsprojekt zu starten?
„Künstliche Intelligenz bestimmt die Debatten über die Gesellschaft von Morgen. Doch während die viel diskutierten selbstfahrenden Autos, intelligenten Roboter und Algorithmen sich zumeist noch in den Laboren der Wissenschaft und Industrie in der Entwicklung befinden, ist KI in der Mitte der Gesellschaft seit langem angekommen. 46% der Deutschen, also 34 Millionen Menschen, sammeln täglich Erfahrungen mit KI in Computerspielen.
Obwohl dies eine wohlbekannte Tatsache ist, wird dieses Thema innerhalb der derzeitigen Diskussionen nahezu ausgeblendet. KI hat einen enormen Einfluss sowohl auf Erwachsene als auch auf Kinder und Jugendliche, indem diese durch das Computerspiel täglich an den Umgang mit KI gewöhnt werden und umgekehrt.
Unsere Hypothese ist daher: KI ist keine Zukunftstechnologie, sondern hat längst die Wohnzimmer und portablen ‚smarten‘ Systeme unserer Gesellschaft erreicht und eröffnet damit einen bislang unerforschten ‚sozio-intelligenten‘ Raum. Mit diesem Begriff umreißen wir vorläufig Phänomene von Responsivität, die aus der Interaktion und dem Zusammenspiel von KI und User oder auch KI und KI resultieren.
Es ist höchste Zeit, sich des Spiels als eines Konstitutivums der KI-Entwicklung in Vergangenheit und Zukunft zu erinnern und den sozio-intelligenten Raum zwischen Mensch und KI ebenso zu erforschen wie dessen wachsenden Einfluss auf Gesellschaft und akademische KI-Forschung.“

Wie läuft die Zusammenarbeit im Projekt und wie wird geforscht?
„‚Mind the Game!‘ erforscht den ‚sozio-intelligenten‘ Raum der Spiele-KI theoretisch, empirisch und technologisch und zwar in seiner Interaktion mit den Usern. Das Forschungsvorhaben führt KI- und Softwareentwickler, VR-Techniker (CAVE), Medienwissenschaftler, Soziologen, Philosophen, Designer und Psychologen der RWTH Aachen, der Folkwang Universität der Künste Essen, der Universitäten Lüneburg und Paderborn sowie Ubisoft Blue Byte Düsseldorf zusammen. Zum ersten Mal überhaupt weltweit erforschen wir die CAVE Technologie als Labor für eine umfassende interdisziplinäre Studie der ludischen Epistemologie, Ästhetik, sowie Strategien der Mensch-KI-Kollaboration und deren Einfluss auf die soziale Adaption.“

Ist es nicht ungewöhnlich, dass sich eine Kunsthochschule in die Forschung zu Künstlicher Intelligenz einbringt? Welche Perspektive können Folkwang und unsere Designer*innen beisteuern?
„Tatsächlich ist die Debatte um KI auf den ersten Blick stark von Informatik, Robotik und angrenzenden Fachgebieten geprägt. Gestalter*innen sehen sich in diesem Zusammenhang zumeist als für die Schnittstellen zuständig, welche die Interaktion von digitalen Technologien und den User*innen ermöglichen. Innerhalb unseres Forschungsprojekts ist es jedoch unsere Überzeugung, dass es nicht die technischen Bedingungen auf der einen Seite und die, sagen wir einmal, Oberflächengestaltung auf der anderen Seite gibt, sondern gerade mit zunehmender Komplexität von KI Fragen immer wichtiger werden, die nur im Raum zwischen den Akteur*innen auffindbar sind, wo sich beide Ebenen zutiefst durchdringen. Gestalter*innen wissen um die Welt, in der intelligente Maschinen agieren müssen und kennen die Parameter, die eine Technologie ‚menschlich‘ macht. Umgekehrt kann KI Perspektiven und neue Fragen eröffnen, die ohne diese Technologie schlicht unsichtbar geblieben wären. Gestalter*innen befinden sich damit an einer Schlüsselposition für die Gesellschaft von morgen, bzw. der Frage, wie wir morgen leben wollen. Als Beispiel für diese Art von Schlüsselposition haben wir uns das Medium Computerspiel gewählt, da nicht nur Spiel allgemein in die Geschichte Künstlicher Intelligenz eng verwoben ist (man denke an Schach, Go, selbst Poker!), sondern vor allem Computerspiele alltäglich von Millionen genutzte ‚Spielräume‘“ für die Begegnung mit KI darstellen, zudem ist die Computerspielindustrie ein großes und attraktives Betätigungsfeld für Gestalter*innen mit hoher gesellschaftlicher Verantwortung.“

 

Zu Prof. Dr. Markus Rautzenberg:
Markus Rautzenberg studierte von 1996 bis 2002 Neuere Deutsche Literatur, Philosophie und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Dort promovierte er 2007 als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Philosophie mit einer Dissertation zum Thema „Zeichen – Störung – Materialität“. Nach seiner Promotion blieb er dem Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen Projekten erhalten. Zuletzt leitete er ab 2011 das DFG-Projekt „Evokative Bildlichkeit. Zur non-visuellen Macht der Bilder“. Seit Wintersemester 2016/17 ist er Professor für Philosophie im Fachberiech Gestaltung der Folkwang Universität der Künste. Seite Sommersemester 2019 ist er Dekan des Fachbereichs Gestaltung.

 

Groß / 27. Mai 2019