Von Tieren, Genießern und anderen Realitäten

Artist Diploma Physical Theatre im Pina Bausch Theater am Campus Essen-Werden

Vom 30. März bis zum 01. April zeigten die AbsolventInnen des Studiengangs Physical Theatre ihre Abschlussarbeiten im Pina Bausch Theater am Campus Essen-Werden. Der Abend stand unter dem Motto »Von Tieren, Genießern und anderen Realitäten«, was ein wenig nach schwarzer Komödie à la Anders Thomas Jensen klingt, und vielleicht gerade deshalb mein Interesse geweckt hat. Und nicht nur meins - geradeso konnte ich noch ein Ticket für den restlos ausverkauften Abend erbeuten, um einen Einblick zu bekommen, welchen Themen sich die vier jungen TheatermacherInnen mit ihrem Körper, ihrer Stimme und verschiedenen Darstellungsformen gewidmet haben.

Realität ist halt auch nur was du denkst | Foto: Veronika Kurnosova
Die Genießer | Foto: Clara Gohmert

 

Den Start macht Clara Gohmert, die in »Realität ist halt auch nur was du denkst« gemeinsam mit der Schauspielerin Anja Kunzmann das Konstrukt unserer Wirklichkeit untersucht. Dabei liefern die beiden Darstellerinnen dem Publikum einen wilden Assoziationsritt durch ein Gedränge von Sinnfragen ¬– mal poetisch sinnierend auf dem videovernetzten stillen Örtchen und mal lakonisch ballspielend auf dem Stück grünen Rasen, der nicht nur die Grenze der Bühne markiert, sondern auch die ihrer Wirklichkeit. Hier scheinen eigene Regeln zu gelten, da wird Faust auch mal zur Klo-Lektüre oder Clara Gohmert zum Goldesel, als sie überzeugend orgastisch ihr Geschäft auf dem Plumpsklo verrichtet.
Während ich den beiden Frauen in dieser dadaistischen Collage zu folgen versuche und mich frage, was hier eigentlich Traum und was Wirklichkeit ist, was Fantasie und was Projektion, entwickelt sich ein rasantes musikalisches Theater, das nicht zuletzt von den phantastischen Klangkompositionen von Vasko Damjanov eine ganz eigensinnige Rhythmik erhält. Am Ende werde ich aber doch etwas ratlos in diesem Sturm zurückgelassen und wünsche mir einen Zufluchtsort, an dem ich ausruhen und versöhnlich summen kann: What a wonderful world!

Highlight des Abends ist die Darbietung von Mats Süthoff und Schauspielerin Paulina Alpen, die sich gemeinsam in »Die Genießer« auf die sinnliche Suche nach Genuss und dessen Regeln begeben. Im Gegensatz zum inspirationsgebenden Buch von Marie und Feline Grub, werden die ZuschauerInnen aber nicht in eine entschleunigte Welt kindlicher Geborgenheit entführt, sondern bekommen eine berauschende dionysische Seite der Lust aufgetischt. Dabei bearbeiten die beiden nicht nur den wohlschmeckenden Genuss von Süßigkeiten, Whiskey, und Sex, sondern führen auch in ein dunkles Reich der Sinne, in dem ebenso an Gewalt, Schmerz und Ekel Gefallen gefunden wird.
Spätestens aber als Mats Süthoff die Zutaten eines Mojitos im sinnlichen Tanz verkörpert – die Minze verspielt, den Zucker lasziv, den Alkohol aggressiv – und auch Paulina Alpen in ihrem Tagliatelle-Tanz ein unschuldiges Öl und einen wilden Trüffel zum Besten gibt, staunt man nicht nur über das hohe Niveau der tänzerischen Technik, das die beiden an den Tag legen, sondern ist sich spätestens jetzt sicher: der ganze Körper kann schmecken. Und dieses Stück hier schmeckt ganz besonders köstlich.

Die Inszenierung »Tiere!« von Saskia Rudat und Ivo Schneider macht sich im Anschluss daran, die Lebenswelten von verschiedenen Tieren, ihr Brut-und Paarungsverhalten in den Blick zu nehmen. In von Hand gefertigten Ganzkörperkostümen, die überaus charmant und improvisiert daherkommen, robben, watscheln und stracksen die beiden DarstellerInnen über die Bühne und verzichten dabei zum größten Teil auf das gesprochene Wort. Während man sich anfänglich köstlich über den unbeholfenen Geschlechtsakt zweier Pinguine amüsiert, kommt das Stück im weiteren Verlauf nicht so richtig in den Fluss. An einigen Stellen fühle ich mich verfrüht zum abschließenden Applaus verleitet und auch die Narration erschließt sich mir nur schwer. Die Bilder wirken etwas willkürlich aneinander gereiht und rutschen in ihrer clownesken Art haarscharf an einem klamaukigen Unsinn vorbei, der ja durchaus reizvoll wäre. So habe ich allerdings etwas Zeit darüber zu sinnieren, wie absurd es ist als Mensch Menschen dabei zu beobachten, die Tiere spielen und fühle mich prompt einem kritischen Blick auf unsere eigene Spezies ausgeliefert. Außerdem ist es beachtlich, wie die beiden DarstellerInnen hier die Grenzen konventioneller Erzählformen austesten und ein Stück entwickeln, das zwischen Theater, Performance-Kunst und Puppenspiel seine eigene Sprache und Form findet.

Am Ende des Abends verlasse ich das Pina Bausch Theater also in einem belebten Zustand: Zwar gab es keine dänischen Delikatessen mit bitterbösem Humor, aber drei schmackhafte Stücke, die nicht nur inhaltlich und formal sehr unterschiedlich waren, sondern auch das breite Spektrum der künstlerischen Arbeiten gezeigt haben, das im Studiengang Physical Theatre entsteht. Und vielleicht schien die drei Inszenierungen am Ende doch etwas zu vereinen, soetwas wie die Suche nach Wahrheit, Sinn oder Rausch.

Ein Beitrag im Rahmen des Projekts „Folkwang StudiScouts“.

 

Mona Leinung / 04. May 2017