Großes Kino auf engem Raum

Die Folkwang Regie Studierenden Tim Hebborn und Nina de la Parra präsentierten ihre Abschlussarbeiten im Pina Bausch Theater

Für das weltgewandte Publikum ist Nacktheit auf Theaterbühnen nichts Schockierendes mehr. Wenn diese Nacktheit sich dann aber von der Bühne wendet und durch die Zuschauerreihen schlängelt, ist das - vor allem für Theatermuffel - anscheinend noch gewöhnungsbedürftig.
Das Anstößige liegt dann aber weniger in einer direkt erotischen Komponente, sondern es konfrontiert den Betrachter und die Betrachterin wohl eher mit der eigenen Blöße - der nackten "Menschlichkeit".

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In Friedrich Hebbels "Judith", inszeniert von Tim Hebborn, erschien die Menschlichkeit, oder besser das Menschsein als zentrales Thema.
Die Hebräerin Judith ist - trotz ihrer weithin bekannten Schönheit - von Selbstzweifeln zerfressen. In dem assyrischen Feldherrn Holofernes erkennt sie einen Menschen, von dem sie sich Bestätigung erhofft. Und das nicht obwohl, sondern gerade weil er mit seinem Heer das Volk Judiths auszulöschen gedenkt. Ihr Verlangen, von dem Assyrer begehrt zu werden, ist ebenso groß, wie ihr Hass auf ihn. So kommt sie schließlich durch ein Zwiegespräch mit Gott (oder doch sich selbst?) auf die Idee, den mächtigen Kriegstreiber zu verführen und umzubringen. Trotz der anhaltenden Warnungen ihrer Magd Mirza aus dem Off, führt sie das Geplante dann auch erfolgreich aus, muss aber erkennen, dass durch den Mord an Holofernes auch ein Stück ihrer selbst zu grunde geht.
Hebborn reduziert Hebbels Werk sachdienlich und verständlich auf die drei zentralen Personen Judith (Katharina Rehn), Holofernes (Paul Behren) und Mirza (Dorothee Neff). Das Zentrum der Bühne: ein Kabelverhau, der sich bald als Nachtlager des Feldherrn entpuppt - Ort der Verwirrung, der Zerrissenheit und der Verzweiflung. Ganz entgegen des zu erwartenden Rangunterschieds zwischen Judith und Holofernes sitzen die beiden vor dem Kabelknoten und unterhalten sich mehr oder weniger flapsig über das bevorstehende  nächtliche Abenteuer. Von Angesicht zu Angesicht, ohne merkliches Ziel, wie zwei, die sich nur um des Redens willen getroffen hätten. Die von Judith langsam und qualvoll getroffene Entscheidung, den schlafenden Holofernes tatsächlich zu ermorden entbehrt dann doch nicht im Geringsten der nahe liegenden Tragik - Licht aus, ein unerträglicher Moment, in dem aus den Boxen ein Rauschen zum Lärm wird und abrupt abreißt. Danach: Eine blutbefleckte Judith, die gar nicht glücklich wirkt. Eine Judith, die im Schlussmonolog noch einmal mit der seltsamen Distanz des eben zum Mörder gewordenen Menschen über ihr Handeln und die Konsequenzen reflektiert.

Was Nina de la Parra daraufhin mit "Hautnah" von Patrick Marber auf die Bühne bringt, ist eine völlig andere Welt. Das - leider - geradezu ultrarealistische Stück schwitzt aus jeder sprachlichen Pore pure Aktualität. Gnadenlos authentisch und exzellent inszeniert offenbart das Werk die Rolle der Sexualität und ihr Verhältnis zur Liebe in der modernen Gesellschaft. Der nicht sonderlich erfolgreiche Autor Danny (Sven Gey), die quirlige Stripperin Alice (Luise Kinner), der aalglatte Dermatologe Larry (Larry) und die launische Fotografin Anna (Sophie Killer) verstricken sich immer mehr in gegenseitigen Liebeleien. Sie alle sind auf der Suche - nach Sex, nach Liebe, nach Anerkennung. Immer tiefer sinken die Charaktere in die Abgründe von Vertrauensbrüchen, verstricken sich in (Selbst-)Täuschung, reden dabei zu viel und sagen zu wenig. Sie alle müssen erfahren, dass die Liebe sich der Schnelllebigkeit, dem Leistungs-, und Terminwahn der Gesellschaft verweigert. Dass alles krampfhafte Suchen und Perfektionsstreben zum zermürbenden Selbstzweck werden kann.
Das Bühnenbild zeigt sich einfach und ästhetisch konzipiert. Vier transparente Plastik-Hocker auf weißem Boden vor einer weißen Wand. Hinter jedem Hocker hängt eine lange Lichterkette aus Energiesparlampen. Wer spricht, tritt vor - Hintergrund bedeutet Absenz. Eine mögliche Zweideutigkeit im Kampf um den Alpha-Status. Die Leidenschaft der Figuren zeigt sich immer deutlicher als schillerndes Exoskelett, als Kampfpanzer für arme, müde Menschen. Immer derber wird die Sprache, immer verzweifelter die Versuche, einen  Seelenfrieden in erotischer Erfüllung zu finden. Tragisch vor allem: die Kommunikation. Es wird hinterrücks und aneinander vorbei geredet; es wird gelogen dass sich die Balken biegen.
Jegliche Tragik wirkt konsequent und szenisch perfekt gelöst. Viel Stoff zum Nachdenken und ein Abend, der sich gelohnt hat.

 

Konrad Bott / 14. January 2015