Bühne und Text: Regiestudium an Folkwang

Tim Hebborn hat Regie studiert und erzählt uns hier in einem kleinen Interview, wie er dazu kam, wie das Studium war und von seinen Plänen und Wünschen für die Zukunft. Seine Abschlussarbeit Judith wird zusammen mit Hautnah, der Ablussarbeit der zweiten Regieabsolventin dieses Semesters Nina de la Parra, am 10. Januar um 19.00 Uhr im Pina Bausch Theater am Campus Essen-Werden gezeigt (

http://www.folkwang-uni.de/home/theater/studiengaenge/schauspiel-regie/aktuell/).

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Wie bist Du dazu gekommen, Regie zu studieren?

Ich habe lange Zeit Musik gemacht mit meiner HipHop-Band Tim Plus, wo ich für die Songtexte, Gesang und Rap zuständig war. Insofern waren Bühne und Text schon meine ganze Jugend hindurch mein Interesse. Mit 19 oder 20 habe ich mich irgendwann gefragt, wo es denn diese Kombination noch gibt, hinsichtlich dessen, was mal ein Beruf sein könnte und bin aufüs Theater gestoßen. Vorher hatte ich nie etwas mit Theater zu tun. Dann habe ich Hospitanzen gemacht und wollte zuerst eigentlich Theaterstücke schreiben. Aber dann war ich mehr und mehr von der Arbeit des Regisseurs fasziniert. Bei einigen Theaterproduktionen im Schauspielhaus Köln und im Schauspielhaus Bochum bin ich bei den Proben »hinten drin gesessen« und habe zugesehen. Währenddessen habe ich mit, wie ich heute sagen würde, jugendlichem Übermut gedacht: »Was der Regisseur da vorne macht, das kann ich aber auch!«
Dann war ich Regieassistent am Landestheater Neuss und habe mit meiner Band ein Album veröffentlicht. Das war 2009/10. Schließlich habe ich mich getraut, mich für ein Regiestudium zu bewerben. Meine erste Bewerbung, an der Folkwang, war dann gleich erfolgreich und ich bin nirgendwo anders mehr hingegangen, weil ich hier einfach ein gutes Gefühl bei der Sache hatte.

Wie war das Regiestudium? Was passiert dä Was lernt man?

Es war  sehr intensiv und ich musste schnell feststellen, dass es viel schwerer ist, Regie zu führen, als man sich das vorstellt, wenn man als Hospitant in der letzten Reihe sitzt und zuschaut.
Im ersten Jahr haben wir das gleiche Programm absolviert, wie die Schauspielstudierenden mit Körperunterricht, Bewegung, Atmen, Sprechen, Spielen, und, und, und. Dieses erste Jahr war sehr hart, denn wir waren fast jeden Tag von 9:00 Uhr morgens bis spät abends in der Meierei in Werden.
Zwischendurch kamen die Phasen, wo wir als Regiestudierende keinen Bock mehr darauf hatten. Dann dachte ich »Ich studiere doch nicht Schauspiel, was soll das alles?« Aber im Endeffekt bin ich sehr froh, dass ich das machen musste. Denn das führte zu einer sehr guten Grundlage und zum Verständnis für die SchauspielerInnen, mit denen man als Regisseur intensiv zusammenarbeiten muss. Immer wieder.
Das ist auch der Hauptteil dessen, was man hier lernt: Die Arbeit mit der/dem SchauspielerIn. Als RegisseurIn stülpt man einem Stück nicht die eigenen Ideen oder Konzepte über, sondern bringt einen Inhalt durch die SchauspielerInnen auf der Bühne zur Wirkung.
Hier ist die Ausbildung sehr individuell und auf die Persönlichkeitsentwicklung als KünstlerIn ausgerichtet. Weniger darauf, dass man irgendeine »Methode« lernt. Dass wir pro Jahrgang nur zwei Regiestudierebde sind, macht es in dieser Hinsicht sicher besonders und anders als an anderen Hochschulen.

Was ist besonders an Deiner Abschlussarbeit?

Ich habe mit Judith von Hebbel einen, wie man so schön sagt, »großen Klassikerbrocken« inszeniert. Aber nicht, weil es besonders toll ist so einen Klassiker zu machen, sondern weil mich die beiden Hauptfiguren Judith und Holofernes interessiert und fasziniert haben. Dementsprechend habe ich das ganze Stück extrem komprimiert und auf die Beziehung zwischen den beiden zugeschnitten. Ich denke, das Besondere ist, dass meine Version quasi eine verdichtete Essenz dieses Stückes ist, aus der Sicht eines jungen Menschen von heute erzählt, und nicht die »klassische Judith«, wie man sie kennt und schon häufg gesehen hat.

Du bist jetzt fertig mit dem Studium. Was verändert sich dadurch?

Jetzt muss ich zusehen, dass ich mit meiner Arbeit auch Geld verdiene, um mein Essen und meine Miete zu zahlen. Ich sehe jetzt das Regieführen, das Theatermachen, eben diese, meine Kunst, als meinen Beruf und meine Arbeit an, mit der ich mich nicht nur irgendwie selbst verwirkliche, sondern mit der ich auch mein Leben bestreiten muss und will.
Im Idealfall will ich in absehbarer Zeit nur noch Regie führen und keinen Nebenjob mehr brauchen, wie ich ihn während des Studiums hatte und auch jetzt in der Übergangsphase noch benötige, um über die Runden zu kommen. Als EinsteigerIn wird man nicht gerade fürstlich bezahlt, aber mit der Zeit wird es besser. Hat man mir gesagt. Wie bei fast allen künstlerischen Berufen ist man unterbezahlt. Außer man wird sehr gut oder erfolgreich (was leider nicht immer zusammenhängt, wie ich glaube) und erarbeitet sich einen Marktwert. Es gibt ein paar wenige Regisseure/Innen, die sehr viel Geld verdienen. Allerdings habe ich das nicht studiert, um reich zu werden. Mir war eigentlich von vornherein klar, dass die finanziellen Aussichten nicht extrem rosig sind. Ich wäre absolut glücklich und zufrieden, wenn ich einfach halbwegs gut davon leben kann.

Was bedeutet es für Dich Regisseur zu sein?

In der täglichen Arbeit mit den SchauspielerInnen merke ich, dass es vor allem bedeutet, die Leute mit denen ich arbeite, von der Vision oder dem Ziel, die ich mit einem Stück habe, zu überzeugen. Das muss man schaffen, jede Probe wieder aufüs Neue.

Was sind Deine nächsten Schritte?

Im Frühjahr inszeniere ich am Theater Bielefeld eine Dramatisierung der Novelle Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher. Außerdem beschäftige ich mich mit dem Thema Filmregie.

Vielen Dank, Tim, und viel Erfolg!


Ein Beitrag im Rahmen des Projekts „Folkwang Studiscouts“.

 

Nora Prinz / 07. January 2015