Brilliant, unberechenbar, intensiv, Rumms!

Werkschau Regie mit jungen Folkwang KünstlerInnen

Rumms! Eigentlich der falsche Ausdruck für die Veranstaltung. Denn grobschlächtig war kaum etwas an diesem Abend, an dem vier Studierende des Studiengangs Regie der Folkwang Universität der Künste ihre Arbeiten präsentierten. Zwei selbst geschriebene Stücke, zwei (vermeintliche) Klassiker - eine ideale Plattform, um die Vielfalt der Gedanken, Absichten und Ansätze der jungen RegisseurInnen kennen zu lernen.

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Laura Natalie Junghanns setzte mit ihrer launischen Version von Henrik Ibsens "Gespenster" einen "in medias res"-Anfang, der sich vom ersten bis zum letzten Wort die volle Aufmerksamkeit des Publikums sichern konnte. Zwar war der Plot des ursprünglichen Werks im Laufe der Handlung verständlich beibehalten, alles andere jedoch ein neues Konstrukt von etwa 25 Minuten Länge. Die auf zwei SchauspielerInnen (Rose Lohmann, Carl Bruchhäuser) verteilten Figuren waren in wiederkehrenden Bildmustern gefangen und offenbarten menschliche Abgründe von Abhängigkeit, Depression, Verantwortungslosigkeit und Verdrängung. Junghanns hatte dem Titel des Stück bewusst den Satz "Der Krieg deines Vaters ist vorbei!" in Klammern hinzugefügt. Was wie eine erleichternde Botschaft anmutet, ist in Wahrheit ein Vorwurf. Gerichtet von der Protagonistin Regine Engstrand an ihren (selbst-)zerstörerischen Halbbruder Oswald. Der Umgang mit schweren Schicksalsschlägen und einer schwierigen Kindheit wird an den divergierenden psychopathologischen Modellen von Regine und Oswald beleuchtet. Am Ende wünscht man sich wie Regine Lebensfreude, ganz gleich, was vorher gewesen sein mag.

Völlig anders: "Statement" aus der Feder und unter der Regie von Jakob Arnold entpuppte sich als schräge Komödie mit komplexem Text, bewusst staubig-biederem Bühnenbild und herzhaften Lachern. Harry (Michael Wischniowsky) und Bess (Saskia Rudat) ein Leistungs-, und Verantwortungsträger-Paar mit Weltruhm wird durch einen beruflichen Fehler Harry`s dazu gezwungen, sich unsanft miteinander auseinander zu setzen. Auch hier steht die Frage nach Verantwortung im Raum, allerdings weniger auf zwischenmenschlicher Ebene. Der Atombombenabwurf über Hiroshima fordert vom Verantwortlichen nun einmal ein Statement. Und wenn es der eigenen Frau nicht gefällt, wird man schnell mal zum Ziel von mit Innbrunst geworfenem Silberbesteck. Der etwas konfus anmutende Dialog schafft es durch Pointen und nicht zuletzt durch die brilliante Leistung der SchauspielerInnen wenn auch nicht konsequent verständlich, doch spannend zu wirken.

Über das nach der Pause folgende "Hamlet-Fragment" von Alexander Olbrich lässt sich nicht viel sagen. Nicht, weil es nicht viel zu sagen hätte, sondern schlicht und einfach, weil Lorenz Nolting in der Rolle des Shakespear`schen Prinzen derart schlüssig, routiniert und intensiv auf der karg eingerichteten Bühne monologisierte, dass kein Kommentar nötig erscheint. Eine klassische, fast konservativ anmutende Inszenierung, die jedoch derart fesselnd und logisch wirkt, dass man sich ihrer unmöglich entziehen kann.

Das letzte und längste Stück "Metaphernlos glücklich" wurde von Daniel Kunze geschrieben und inszeniert. Ein surreal anmutendes Bild, der postmodernen Gesellschaft wird hier gezeichnet. Mit Hasenköpfen, mit einem blauen Diamanten, mit schrillen Gags und gut durchdachten Rollen gehen Kunze und seine SchauspielerInnen-Riege Paulina Alpen, Jakob Schmidt und Thomas Kaschel auf die Suche nach der Selbstanalyse. Zwischen Tiermeditation, Midlife-Crisis und Kreuzungen am Lebensweg fragt man sich "Wie es denn sein könnte?" und endet im völligen Chaos der experimentell bereitgestellten Requisiten, das selbst den grimmigsten Zuschauer zum Lachen bringt. Dabei ist es ein ernstes Feld, auf dem sich die ebenso stringente wie psychedelisch anmutende Handlung bewegt. Wie schwerwiegend ist eine Entscheidung im Leben? Wohin komme ich wenn...? Was bin ich? Was könnte ich sein? Fragen über Fragen und letztendlich auch eine bescheidene und nahe liegende Antwort. Aber man will ja nicht zu viel verraten...

 

Konrad Bott / 12. January 2015