Music

Folkwang trauert um Gisbert Schneider

Der langjährige Folkwang-Orgelprofessor Gisbert Schneider ist tot. Wie die Hochschule jetzt erfuhr, starb er nach langer Krankheit am 1. Dezember 2018 im Alter von 84 Jahren. Sein Schüler Prof. Dr. Andreas Jacob, Rektor der Folkwang Universität der Künste, erinnert in einem Nachruf an Gisbert Schneider:

„Mit ihm verliert die Folkwang Universität der Künste einen Begleiter und Mitgestalter der Institutionsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, der als ebenso inspirierender wie warmherziger Dozent Generationen von Orgelstudierenden geprägt hat.“

Foto: Heike Kandalowski

Foto: Heike Kandalowski

 

Zum Tod von Gisbert Schneider

Schneider, der 1934 in Wattenscheid geboren wurde, wuchs zunächst in Weimar auf, wo er bereits im Alter von 12 Jahren Orgelunterricht bei Johannes Ernst Köhler erhielt. Von 1948 bis 1956 setzte er als Schüler und Student von Siegfried Reda seine kirchenmusikalische Ausbildung an Folkwang fort, wo er u. a. bereits 1954 – mit 19 Jahren! – den Abschluss als Kantor ablegen konnte. Beide Lehrer prägten ihn nachhaltig, insbesondere bezüglich des hohen Stellenwerts, den die Improvisationskunst für ihn einnahm, aber auch hinsichtlich der Vermittlung des Erbes der Orgelbewegung, dem er sich stets verbunden fühlte. Darüber hinaus bildete er sich zu einem der führenden Interpreten der deutschen Orgelromantik aus, dem es beispielsweise gelang, die komplexen Strukturen der Orgelwerke Max Regers zu großen musikalischen Bögen zu formen.

Im Jahr 1958 erhielt Schneider den Förderpreis des Landes NRW und war daneben auch Preisträger beim internationalen Musikfestival „Prager Frühling“. Ostmittel- und Osteuropa zeigte er sich auch zu Zeiten des Kalten Krieges stets besonders verbunden, so dass ihn Konzertreisen nicht nur in die Metropolen Westeuropas oder nach New York führten, sondern eben auch nach St. Petersburg, Moskau, Prag oder Krakau. Die langjährige Zusammenarbeit mit der Musikakademie Krakau und dem dortigen Orgelprofessor Jan Jargon gehört in dieser Ära zu den raren Beispielen einer stabilen Kooperation über Systemgrenzen hinweg. Nicht zuletzt für derartige Verdienste um den internationalen Kulturaustausch wurde Gisbert Schneider 1996 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Mit seinen Tätigkeiten als Kirchenmusiker und später Kirchenmusikdirektor blieb Schneider stark in der Region verhaftet: In Velbert gründete er 1954 die Velberter Kantorei, die er bis 2006 mehr als 50 Jahre lang als Dirigent leiten sollte und die er zu einem beachtlichen, auf Rundfunk- und Tonträgeraufnahmen dokumentierten Niveau führte; daneben wirkte er von 1969 bis 1975 in Mülheim an der Ruhr in der Nachfolge seines mittlerweile verstorbenen Lehrers Reda als Organist an St. Petri. Darüber hinaus war Schneider seit 1961 jedoch auch als Dozent für Orgelspiel an der damaligen „Folkwangschule für Musik, Theater und Tanz“ angestellt. Im Jahr 1970 folgte schließlich die Ernennung zum Professor an der mittlerweile zur staatlichen Hochschule erhobenen Einrichtung, eine Position, die er trotz verschiedener Rufe an andere Institutionen bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1999 bekleidete.

Als Pädagoge vermochte es Gisbert Schneider, seinen Studierenden in menschlich stets außergewöhnlich angenehmer Weise jene auf glänzender Technik fußende, alles durchziehende Musikalität zu vermitteln, die für sein eigenes Spiel ebenfalls so charakteristisch war. Auch wenn er seine Verwurzelung in den oben erwähnten Traditionslinien nie verleugnete, ließ er den Studierenden jede Möglichkeit, auch anderweitigen musikalischen Interessenlagen zu folgen. So durfte es auch der Verfasser dieser Zeilen erleben: Neben den Studien bei Schneider, die vor allem mit Komponisten wie Bach, Mendelssohn und Reger befasst waren, wurde ich von diesem ermutigt, mich bei anderen Lehrern intensiv mit weiteren Musikstilen, historisch informierter Aufführungspraxis oder der Musik der Avantgarde zu beschäftigen.

Diese Liberalität war ebenso Konsequenz seiner künstlerischen Souveränität wie von grundlegenden menschlichen Qualitäten, die sich mit dem englischen Ausdruck des „Gentleman“ am besten umschreiben lassen und für die Schneiders Schülerinnen und Schüler sich ihm vielfach lange – und über das Fachliche weit hinaus – persönlich verbunden fühlten. Nicht zu vergessen seine lebensbejahende Art, die auch die Nach-Konzert-Feiern zu besonderen Erlebnissen werden ließ. Herausragende Künstlerpersönlichkeiten wie Gisbert Schneider waren es, die Folkwang über Jahrzehnte hinweg zu jener internationalen Reputation führten, auf der unsere Hochschule bis zum heutigen Tage aufbauen kann.

 

Andreas Jacob / 10. December 2018