Music

Das Folkwang ensemble VOX WERDENSIS

Interview mit Prof. Dr. Stefan Klöckner

Seit über 30 Jahren wird an der Folkwang Universität der Künste Gregorianik unterrichtet. Die erste hauptamtliche Professur für „Gregorianik und Liturgik“ wurde an Folkwang 1981 im Kontext der kirchenmusikalischen Ausbildung geschaffen. Auch nach Aufhebung des Studiengangs Kirchenmusik blieb mit dem Master „Musik des Mittelalters“ ein kirchenmusikalischer Kernbereich erhalten. Seit den Anfängen hat sich der Gregorianische Choral in Essen als feste Größe international etabliert.

Foto: Dominik Schneider

Foto: Dominik Schneider

 

Dr. Stefan Klöckner, Folkwang Professor und Leiter des Instituts für Gregorianik, prägt seit 1999 dieses besondere Lehrangebot an Folkwang.
So gründete auch er 2009 das Folkwang ensemble VOX WERDENSIS. Hervorgegangen aus der ehemaligen Schola der Folkwang Universität der Künste ist VOX WERDENSIS international profiliert und bekannt. Konzertreisen führten das Ensemble unter anderem nach Ungarn, Österreich und die Niederlande. WDR 3 Konzert sendet am 23. November um 20.05 Uhr einen Mitschnitt des VOX WERDENSIS Konzertes am 13. November beim Festival für Alte Musik in Herne. Zu hören ist das Ludgerus-Offizium.

Wie genau setzt sich das ensemble VOX WERDENSIS zusammen?
Das sind – zum Teil noch, meist aber ehemalige – Studierende der Folkwang etwa aus den Studiengängen Lehramt Musik, Gesangspädagogik und Chorleitung. Viele von ihnen gehören dem Ensemble schon seit Jahren an und sind auch nach dem Studium dabei geblieben. Die Besetzung besteht aus insgesamt zehn Personen, gelegentlich kommen aber auch Gäste dazu, beispielsweise aus dem Studiengang Musik des Mittelalters. Wenn eine Stelle nach zu besetzten ist, sprechen wir gezielt mögliche Nachfolger an und überlegen gemeinsam, wer am besten geeignet erscheint.

Wie viel Zeit verwenden Sie auf Proben und ähnliches?
Das ist so exakt nicht zu bemessen. Die Ensemblemitglieder sind natürlich auch beruflich und privat stark eingebunden, daher proben wir in kompakten Blöcken. Wenn man die Zeit auf eine Wochenstundenzahl herunterbrechen wollte, wären das aber sicherlich zwei bis drei Stunden intensive Probenarbeit in der Woche.

Findet sich die Arbeit von VOX WERDENSIS auch im Folkwang Lehrangebot wieder?
Ja, schon allein dadurch, dass Dominik Schneider nicht nur Mitglied des Ensembles, sondern auch Lehrbeauftragter an Folkwang ist. Vieles von dem, was wir bei VOX WERDENSIS machen, ist eben auch Stoff im Master Musik des Mittelalters. Vor allem die Gregorianik und die Vokal- und Instrumentalmusik des Mittelalters liefern Inhalte für das Ensemble, da vieles, was dort aus den Quellen herausgeschrieben wird, auch vom Ensemble aufgegriffen und umgesetzt wird. Natürlich gestalten die Studierenden ebenfalls eigene Konzerte. Eines pro Semester, in Eigenregie, und auch diese Konzerte sind sehr beliebt. Dadurch kommen auch immer wieder Studieninteressierte zu uns, die bei den Konzerten im Publikum sind. Wer sich für ein Studium entscheidet, dem bietet der Master Musik des Mittelalters viele Arbeitsfelder. Die Studierenden stehen bereits im Berufsleben und kommen zum Teil auch aus dem Ausland. Deswegen haben wir diesen Studiengang auch berufsbegleitend studierbar gemacht.

Gab es für Sie besonders prägende Konzerte, Momente seit der Gründung von VOX WERDENSIS?
Der wichtigste Punkt war mit Sicherheit die Gründungsphase 2009|2010 im Kontext der Kulturhauptstadt. Ich erinnere mich sehr gerne an das erste Konzert damals in der Basilika – über die Entstehung der Mehrstimmigkeit. Die Basilika war übervoll, über 700 Menschen waren da, alle Karten aus dem Vorverkauf waren bereits vergeben und dann standen abends trotzdem noch über 200 Menschen vor der eiskalten Kirche und wollten hinein. Wir haben dann alle eingelassen und auf den Emporen platziert. Das war sehr bewegend: zu sehen wie groß das Interesse an dieser Musik ist. Seitdem gibt es eigentlich immer nur wieder das Erstaunen, wie sensibel gerade die Menschen in Werden auf diese Musik reagieren. Das ist etwas, das ich grandios finde – auch bei den Konzerten des Studiengangs Musik des Mittelalters. Diese Musik hat sich in Werden, in Essen etabliert und ich glaube, das ist mit ein Verdienst von VOX WERDENSIS.


Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Nein, ganz ehrlich gesagt nicht. Wir haben das ja damals sehr bewusst auf die Kulturhauptstadt hin gemacht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es sich so weiter entwickelt und wir heute so große Erfolge haben. Sicherlich liegt das auch daran, dass wir zurzeit in Deutschland die einzige Gruppe sind, die auf diesem professionellen Niveau Gregorianischen Choral und Musik des Mittelalters verbindet. Es gibt einige gute Gregorianik-Scholen, es gibt in Frankreich, England, Dänemark, Polen und den Niederlanden hochprofessionelle Ensembles für Mittelaltermusik, aber Ensembles, die beides auf hohem professionellem Niveau praktizieren, gibt es nicht. Da sind wir derzeit die Einzigen.


Die Auftritte des Ensembles werden häufig von Radio- oder Fernsehsendern aufgezeichnet und ausgestrahlt – steigt die Aufregung bei solchen Gelegenheiten besonders?

Die Aufregung ist eigentlich immer da und die ist auch heilsam, weil sie zum einen den Körper und die Seele in eine fruchtbare Spannung versetzt  und zum anderen auch demütig macht vor der Aufgabe. Und wir sind auch zu recht aufgeregt, denn diese Musik stellt einen hohen Anspruch an uns. Routine wäre da kein guter Zustand. Ich bin also eigentlich ganz dankbar für dieses Lampenfieber, weil ich mir vor jedem Konzert der gewaltigen Aufgabe bewusst bin.

Am 13. November sind Sie mit dem Ensemble in Herne beim Festival für Alte Musik. Dort wird VOX WERDENSIS das Ludgerus-Offizium singen. Was hat es damit auf sich?
Die Verbindung zwischen Folkwang und Ludgerus ist ja nun historisch sehr evident – allein schon dadurch, dass wir mit der Hochschule im ehemaligen Abteigebäude angesiedelt sind und der heilige Ludgerus in der Basilika nebenan begraben liegt. Für uns hat es sich sehr glücklich gefügt, dass das Offizium, das Stundengebet zu Ehren des heiligen Ludgerus, im letzten Jahr besonderer Gegenstand der Wissenschaft war. Es ist recht alt, wurde aber erst im 14.|15. Jahrhundert kodifiziert. Mir haben die Melodien sofort zugesagt – und so habe ich damals die Banken der Bistümer Köln, Essen und Münster angeschrieben und die haben uns bei der Finanzierung der Aufnahme unterstützt. Seitdem sind alle doch sehr neugierig auf dieses Offizium, weil es nun wohl erstmals seit dem späten Mittelalter wieder zu hören ist. Schließlich ist Werden mit der Abtei die kulturelle Wiege des Ruhrgebiets – und nun können ausgerechnet wir hier ein Stundengebet des heiligen Ludgerus veröffentlichen. Mit der CD leisten wir einen Beitrag zur Identität des Ruhrgebiets. Genau dieses Offizium wird auch immer wieder für Auftritte angefragt.


Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?

Im Augenblick plane ich für maximal zwei Jahre im Voraus, weil ich auch gelernt habe, dass sich Konstellationen im Ensemble verändern, die Flexibilität erfordern. Das meine ich vor allem positiv. Wir haben jetzt zum Beispiel durch den Zuwachs an Stimmen im Ensemble Möglichkeiten, die wir vor zwei Jahren noch nicht hatten. Jetzt kommen wir in ganz andere Repertoire-Bereiche hinein, und in diesem Jahr hat eine Entwicklung eingesetzt, dass wir sagen können, wird sind in Deutschland etabliert. Wir werden für viele Festivals angefragt, der WDR zeichnet unsere Konzerte etwa in Herne auf, der Deutschlandfunk hat das Konzert beim Festival in Knechtsteden mitgeschnitten. Dass diese Anfragen so massiert kommen, war für uns nicht absehbar.
Ich höre mir jede Aufnahme eines Konzertes an und schicke sie auch den Mitgliedern des Ensembles zu; zuerst gibt es ein Lob – aber dann kommt, was wir noch zu tun haben. Man hört gelegentlich kleine intonatorischen Unebenheiten (die bleiben bei einer solch diffizilen Musik einfach nicht aus). Man kritisiert sich auf hohem Niveau für Dinge, die bestimmt nicht jeder hört – aber an denen arbeiten wir. Das ist es glaube ich, was man planen muss: sich nie zufrieden zu geben, sondern unser Handwerk immer weiter zu schulen. Aufgabenfelder gibt es genug. Für 2016 sind wir wieder nach Knechtsteden eingeladen zum großen Festival für Alte Musik. Ich könnte mir im Übrigen auch einen „Cross-Over“ mit unserer Zeit vorstellen. Etwa gregorianische Gesänge in Verbindung mit Ambiente-Music ...

Das Interview führte Anica Bömke-Ziganki am 04. November 2015.


Sendetermin WDR 3 Konzert:

Montag, 23. November 2015, 20.05 - 22.00 Uhr
Mitschnitt des Konzertes vom 13. November 2015 in Herne
Ludgerus-Offizium

Das Ludgerus-Offizium „Confessor o dignissime“ für zuhause gibt es beim Folkwang Institut für Gregorianik auf CD.
Alle Informationen dazu finden Sie hier.

Weitere Informationen zum ensemble VOX WERDENSIS und Hörproben finden Sie hier.

Weitere Informationen zum Studiengang Musik des Mittelalters finden Sie hier.

Foto: Dominik Schneider

 

Bömke-Ziganki / 19. November 2015