Music

Der geläuterte Realkeeper

Open Lecture mit Falk Schacht im Folkwang Institut für Populäre Musik

Was hat Rap mit Religion zu tun, wie passen Cora und die Popspatzen zu Aggro Berlin und warum müssen Rapper real sein? Diesen Fragen geht Musikjournalist Falk Schacht auf den Grund, der am 25.04 im Institut für populäre Musik der Folkwang Universität der Künste mit einer Ringvorlesung zu Gast war. Das Vorhaben hat er unter den Titel: »Hip Hop is not what it is today – Geständnisse eines geläuterten Realkeepers« gestellt und damit so viele ZuhörerInnen in das Institut gelockt, dass jeder Bierkasten, Plattenkoffer oder Gegenstand mit irgendwie ausreichend Tragkraft noch zum provisorischen Sitzplatz umfunktioniert wird. Obwohl der Sauerstoff also eng zu werden droht, darf man gespannt sein, was hier in Bochum, fernab vom Folkwang-Epizentrum Werden, diskutiert und gedacht wird.

Falk Schacht (li) und Hans Nieswandt (Foto: Cigdem Göymen)

Falk Schacht (li) und Hans Nieswandt (Foto: Cigdem Göymen)

 

Schacht, der zu den bekanntesten Stimmen der deutschen HipHop Szene zählt, legt bald offen, was ihn umtreibt: Als echter Dogmatiker (Realkeeper) habe er dahin gewollt, wo der wahre HipHop herkommt und nimmt uns in seinem beinahe zwei-stündigen Vortrag mit auf die Suche nach einer Definition. Er zeichnet eine Entstehungsgeschichte nach, die von den Funk- und Soulexperimenten junger Schwarzer in der New Yorker Bronx Anfang der 1970er Jahre über HipHop Größen wie wie DJ Kool Herc, Grandmaster Flash, Afrika Bambaataa und Grand Wizzard Theodore bis zu den Wurzeln der deutschen Rapgeschichte reicht – zu denen man eben auch erste Rap-Experimente von Cora und den Popspatzen und Thomas Gottschalk zählen müsse. Dabei sucht Schacht nach Dokumenten, Zeugnissen und Quellen fernab der gängigen Blaupausen und stellt mit unermüdlichem Forschergeist bestehende HipHop-Mythen auf die Probe: Woher wissen wir, dass auf der ersten legendären HipHop-Party 1973 wirklich HipHop gespielt wurde? Kann das Scratching von Grand Wizzard Theodore 1974 erfunden worden sein, wenn auf einem Livemitschnitt von 1977 keine Scratches zu hören sind? Wer sagt, dass Graffiti ein Element des HipHops ist? Welches Jahr gilt als Geburtsstunde des HipHop? Kann man überhaupt von einer Geburtsstunde sprechen? Und wer hat denn nun den HipHop erfunden?

Schacht zeigt anhand seiner detektivischen Recherche-Ergebnisse, was man insgesamt über die Geschichtsschreibung sagen könnte: Am Ende gewinnt eben die Story, die sich am besten erzählen lässt und die mächtig genug war, sich durchzusetzen. Mit dieser Erkenntnis ist er übrigens in unmittelbarer Nähe zu Michel Foucault anzutreffen, der in Von der Subversion des Wissens schreibt: »Das große Spiel der Geschichte gehört dem, der sich der Regeln bemächtigt und der seinen Nutzen aus ihnen zieht.«
Geschichte ist darüber hinaus keine konstante zielgerichtete Entwicklung, sondern ein offener Entstehungsprozess und so erhalten auch in der Geschichtsschreibung des HipHop einige Dinge ihren Sinn und ihren Platz, einfach um die ungelenke Welt in eine Darstellbarkeit zu zwingen. Der Streit um die Wahrhaftigkeit wird aber spätestens da zum Problem, wo Verteilungs- und Machtkämpfe darüber entscheiden, wer welches Ansehen genießt und schließlich auch welches Stück vom Kuchen bekommt. Und so wird klar, warum der Realness-Begriff und die Forderung nach Authentizität eine derartige Aufladung erhalten haben, dass sie heute noch im »epischen« Interview mit Labelchef Fler gipfeln, der sich knapp eineinhalb Stunden über Echtheit und HipHop-Gebote in Rage redet. Wo wir also bei der Religion wären: Denn im Grunde geht es nicht um Wissen, sondern um Glauben. Und die Heilighaltung der Realness zeigt, mit welchem Eifer bestimmte Dogmen verteidigt werden müssen, um weiterhin mitreden zu dürfen.

Nach diesen Erkenntnissen musste selbst Ober-Dogmatiker Schacht sein bis dato sehr enggefasstes Verständnis von Hiphop liberalisieren und ist zu einem geläuterten Realkeeper, oder – um im sakral-Jargon zu bleiben – Ketzer geworden, der bestimmte Unumstößlichkeiten hinterfragt und schließlich viele Auslegungen von HipHop anerkennt. Ein kühnes Unterfangen, vielleicht ein ernüchterndes, aber sicher auch ein befreiendes, das helfen kann HipHop neu zu zelebrieren. Und ein paar Ketzer haben der Geschichte ja immer gut getan.

Ein Beitrag im Rahmen des Projekts „Folkwang StudiScouts“.

 

Mona Leinung / 23. May 2017