Folkwang

Ihr fehlt!

Von der Sehnsucht nach Resonanz

Seit über einem Jahr sind die Ränge und Sitze in den Theatern und Opernhäusern verwaist. Auch die Folkwang Bühnen bleiben geschlossen. StudiScout Simon über das Verhältnis von Bühne und Publikum, und wie es ist, als Darsteller vor leeren Stühlen zu spielen.

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Warten auf das Publikum - die Black Box des Folkwang Theaterzentrums | Foto: Elsa Wehmeier

 

Über Kunst zu sprechen, kann schnell ins Nebulöse führen. Denn Kunst ist eine flexible Größe, die in ihren unterschiedlichen Disziplinen schwer zu fassen ist. Immer wieder wechselt sie ihre Kostüme, checkt ihre Privilegien und schmeißt sich dann neu in den Diskurs. Sie ist nie bloßer Selbstzweck, sie sucht Hörer*innen, Betrachter*innen, Zuschauer*innen, sie sucht vor allem uns alle – als Publikum. Denn wenn sie eins liebt, dann den Dialog.

Im resonanzleeren Raum

Und gerade da klafft aktuell eine Leerstelle. Es gibt derzeit kein Publikum, zumindest kein spür- und erlebbares. Die erhoffte Resonanz, also die unvermittelte Reaktion Zusehender, wird zum Echo der Darstellenden. Echte Kommunikation findet nicht statt. Keine Frage: Online- und Streamingformate haben sich etabliert und funktionieren auf ihre Art und Weise, aber an einer Kunst- und Musikhochschule wie der Folkwang ist es plötzlich leer geworden. Die vierte Wand scheint zementiert. Das Publikum bleibt vor seinen Bildschirmen, Reaktionen kommen, wenn überhaupt, zeitverzögert an. Dabei sehne ich mich nach nichts mehr als nach direkter Interaktion, einer gemeinsamen Erfahrung, nach einer unvermittelten Überprüfung des auf der Bühne Verhandelten. Für Darsteller*innen, zu denen ich mich zähle, ist das Spiel ohne Publikum und damit ohne wirklichen Kontakt, ein Alptraum. Gerade, weil der Diskursraum dicht gefüllt ist: Die aktuellen Debatten, etwa um Geschlechtergerechtigkeit und strukturellen Rassismus (um nur zwei zu nennen), kochen hoch, verlangen nach Reflexion, Veränderung und Einmischung – es ist eine drängende Zeit für uns angehende Kunstschaffende. Jetzt entstehen die großen künstlerischen Auseinandersetzungen, die Charaktere für die Zukunft prägen werden. Jetzt, in dieser Zeit, in diesen Studienräumen, entwickeln sich Profile, Überzeugungen, entflammen Herzensthemen und arbeiten sich Künstler*innenpersönlichkeiten im Dialog mit der Gegenwart heraus.

Der Raum dafür bleibt aber still. Er ist grundgereinigt, desinfiziert und leer. Da gibt es kein Rascheln und Flüstern, keinen Applaus und keine Empörung. Wir, die Studierenden, hören und sehen uns bestenfalls untereinander, aber auch das nur in der eigenen Disziplin. Das macht die Dinge vorhersehbar und schult zwar das Handwerk, aber lässt das Eigentliche, die künstlerische Verhandlung, erst einmal verklingen. Emotionen verlieren sich, Pointen bleiben ohne Lacher, die Spannung im Raum wird weich, wenn sie nur von denen getragen wird, die sie einstudiert haben. Am Ende wird zwar das Mikrophon ausgerichtet und der Stream installiert – immerhin. Fühlbar ist das allerdings nicht.

Von der Sehnsucht

Wir alle, ob auf oder vor der Bühne, brauchen das Publikum! Es ist genug probiert und studiert worden, theatrale Umsetzungen sind fertig gearbeitet. Jetzt ist es an der Zeit, sie zu teilen und für andere zu öffnen. Erst im Dialog mit den Zuhörenden, den Zusehenden und den Betrachtenden entwickelt sich ein künstlerischer Ausdruck. Hier arbeitet er sich ab, adressiert sich, provoziert, spiegelt, manipuliert und schärft den Blick. Und erst hier beweist sich, ob das in der Blase schauspielerischer Auseinandersetzung Gearbeitete relevant ist, oder ob es vielleicht nur individueller Eitelkeit entwachsen ist.

Das alles sind Gedanken aus der Sicht eines Darstellers, der sich nur vorstellen kann, wie Musiker*innen und bildende Künstler*innen empfinden mögen. Aber fehlt uns nicht allen Bestätigung, Anerkennung und Reibung? Vom Applaus und den Blumen traue ich mich fast nicht zu schreiben.

Natürlich, Schauspiel zu studieren, bedeutet vor allem mit mir selbst zu forschen und mir drängende Fragen zu stellen. Es ist der innere Ruf auszureizen, was mich drängt, meine Wahrnehmung und Reflexionen in meinen ganz eigenen Ausdruck zu gießen. Aber ohne die Wirkung dessen zu erproben, bleibt das alles leer. Dann wird es selbstreferenziell. Als angehender Schauspieler bin ich ein Suchender, der sich zwar intensiv mit sich selbst auseinandersetzt, aber immer nur, um die (Miss-)Erfolge dann auf der Bühne zu teilen. Und ich vermisse es, auch selbst im Publikum sitzen zu können. Denn gerade die persönlichen künstlerischen Verarbeitungen anderer bewegen mich, wenn ich als Zuschauer unmittelbar Zeuge davon werden darf. Auf der Bühne werden Figuren und ihre Konflikte lebendig, die dabei etwas mit den Zusehenden verhandeln. Oft nicht weniger als das Leben in all seinen Facetten und Möglichkeitsräumen.

Die Hoffnung bleibt

Nun ist es aktuell einfach nicht anders möglich. Das bin ich bereit, zu akzeptieren. Mit mir sitzt eine ganze Generation junger Studierender seit über einem Jahr vor den Bildschirmen und ist virtuell verbunden, faktisch aber oft alleingelassen. Wir alle hoffen auf die Zeit nach der Pandemie, ohne zynisch zu werden und nach Aufmerksamkeit zu schreien, wie etwa Teile unserer prominentesten Vertreter*innen das aktuell versuchten.

Noch trägt das Bewusstsein, dass das Publikum da draußen ist. Dass es wiederkommen wird und bis dahin einfach woanders sein Husten unterdrückt und mit den Bonbonpapieren raschelt. Machen wir uns nichts vor, es wird eine Zeit dauern, das Publikum wieder zurückzugewinnen. Einige werden zurückerobert werden wollen, andere werden nicht wiederkommen, weil ihnen nichts gefehlt hat. Aber für viele wird es auch neu und aufregend sein. Sie werden Schlange stehen, weil es endlich wieder losgeht. Dann wird es wieder ganz dunkel vor den Bühnen werden, der Raum wird gefüllt sein mit Erwartungen und Stimmungen und wir können das Murmeln und Tuscheln hören, bevor die Scheinwerfer hochsurren. Und dann, dann geht es richtig los.

Ein Beitrag im Rahmen des Projekts „Folkwang StudiScouts“.

 

Simon Gierlich / 10. May 2021