Folkwang

Wayne Götz: „Es ist ein großes Geschenk, Kunst in den Alltag zu integrieren“

Der Folkwang Absolvent im Interview

Wayne Götz hat Physical Theatre an Folkwang studiert und arbeitet als Schauspieler, Tänzer, Performer sowie Producer an der Schnittstelle von Tanz, Theater, Musik und Wissenschaft. Im Gespräch mit StudiScoutin Zara Krauss gibt er Einblicke in seine Arbeit als Darsteller auf der Theaterbühne sowie im urbanen Raum. Außerdem spricht er über seinen Werdegang, vielfältige Möglichkeiten Kunst darzustellen und was „In-day Holiday“ für ihn bedeutet.

"Laughing Eternity" von und mit Wayne Götz | Foto: F.S.

"Laughing Eternity" von und mit Wayne Götz | Foto: F.S.

 

Zara: Wayne, wo treffe ich dich an und was hat dich dorthin verschlagen?
Wayne: In meinem Zimmer in der Gästewohnung in Paderborn. Ich bin seit ungefähr zwei Monaten hier. Wir führen am Theater „Tiere im Hotel“ auf. In dem Stück geht es darum, dass ein Hotel von einem Hasen geleitet wird, der unterschiedliche Gäste empfangen muss. Da kommen ein Bär, Waschbären und Hühner. Ich bin neben der Tätigkeit als Darsteller unter anderem auch für die tierische Verkörperung zuständig. Die Konzeption und Umsetzung der Bewegungschoreographien zusammen mit dem Ensemble machen total Spaß.

 

Wie kam es dazu, dass du Physical Theatre an Folkwang studiert hast? Was hat dich dazu bewegt, in diese Richtung zu gehen?
Dieser Werdegang war von Anfang an gar nicht richtig planbar und erst mal wollte ich gar nicht studieren. Ich wäre gerne nach Südamerika ausgewandert, hätte eine Kommune gegründet und mich komplett von dem Wirtschaftssystem befreit. Durch verschiedene Umstände habe ich doch mit dem Studium der Philosophie- und der Religionswissenschaft angefangen und habe später Physik belegt. Mit Theater bin ich erstmals in der Schule in Berührung gekommen. Durch einen Kollegen aus Berlin habe ich dann während meines Studiums auch Improvisationstheater kennengelernt.

Bis zu meinem Studium an Folkwang hat es aber noch ein bisschen gedauert. Ich habe zunächst mein Physikdiplom gemacht, war zwischendurch in Chile und habe ein halbes Jahr auch in Singapur im Bereich Business Development gearbeitet. Als ich wieder zurück in Deutschland war und für meine Start-ups arbeitete, habe ich mich mehr mit Bewegung und Körperarbeit beschäftigt. Ich habe den schwarzen Gurt im Judo gemacht, viel Improvisationstheater gespielt, mich in kleinen semiprofessionellen Gruppen betätigt und dadurch von Physical Theatre gehört. Ich habe mich dann 2016 an Folkwang beworben und hatte aufgrund meines Alters ein bisschen Sorgen, da ich zu dem Zeitpunkt schon älter als der oder die durchschnittliche Studienanfänger*in war. Aber ich habe mir gedacht: „Ich probier's mal!“ Was mich besonders am Physical Theatre-Studium gereizt hat, war die Kombination zwischen unterschiedlichen Disziplinen wie Theater, Tanz, Bewegung und Clownerie. Ich habe in meiner Kindheit geturnt, 14 Jahre Judo und einige Jahre Capoeira gemacht, und ich empfand die Vermengung der Disziplinen in Verbindung mit Schauspiel in dem Studiengang sehr inspirierend.

 

Lass uns gerne über ein paar Projekte von dir sprechen. Welches Stück, dass du während deines Studiums an Folkwang umgesetzt hast, ist dir noch am stärksten in Erinnerung und warum?
Ein sehr wichtiges Stück für mich war mein Abschlussstück „Laughing Eternity“. Es war eine Herausforderung, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen, 60 Minuten alleine auf der Bühne zu sein und körperlich mit wenigen Worten alles darzustellen. Das Thema Vergänglichkeit hatte eine große Bedeutung für mich im Studium.

 

Hast du ein bestimmtes Thema, das in deiner Arbeit immer wieder auftaucht, an dem du dich als Künstler ‚abarbeitest‘ oder noch ‚abarbeiten‘ möchtest? Hast du ein Beispiel für mich?
Neben Vergänglichkeit ist und war Künstliche Intelligenz auch in den letzten Jahren ein Hauptthema für mich und meine Arbeit. Ich finde die großen Herausforderungen, die dieses Thema mit sich bringt, sehr spannend und halte es für notwendig, dass man beziehungsweise die Kunst sich gesellschaftlich damit auseinandersetzt.

 

Weitere Eindrücke von "Laughing Eternity" | Foto: F.S.
Foto: F.S.
Foto: F.S.

 

Stehst du als Darsteller oder Performer lieber auf der Bühne oder bewegst du dich lieber im urbanen Raum – unmittelbar zum Publikum oder Passant*innen – wie bei make a move collective?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich fühle mich eigentlich in allen Situationen wohl, ob auf der Bühne oder im urbanen Raum. Ich kann dadurch in beiden Arbeitswelten unterschiedliche Ästhetiken praktizieren und tolle Leute kennenlernen, die mir Mut und Lust am Spielen schenken. Im urbanen Raum findet tatsächlich mehr Konfrontation statt als bei einer Vorstellung auf der Bühne. Das Theater kann ein geschützter oder sicherer Raum sein. Der urbane Raum hingegen ist unmittelbarer und bietet uns bei make a move collective andere Möglichkeiten, Kunst darzustellen, indem wir Regeln anders nutzen und direkt Menschen in ihrem Alltag charmant mit Tanz konfrontieren. Wir bewegen uns, rollen auf der Straße herum, nehmen als Gruppe unterschiedliche Positionen ein und dabei entsteht jedes Mal etwas Neues. Das Publikum, die Menschen auf der Straße, werden damit zu Teilen unerwartet überrascht und manche schauen ehrlicherweise auch ab und zu ein bisschen verwirrt. In diesen Situationen kann natürlich die Frage kommen „Ist das Kunst, oder kann das weg?“. Das ist auch vollkommen okay, denn auch das sind ehrliche Begegnungen. Für mich ist es ein großes Geschenk, die Kunst mit make a move collective in den Alltag von Menschen zu integrieren – wie auch mit neuen Projekten, an denen ich zusammen mit Richard Siegal am Staatstheater Nürnberg arbeite.

 

Du machst eigene Projekte, du bist Mitglied in Tanzensembles, wirst als Darsteller gebucht oder setzt Auftragsarbeiten um, du gibst Workshops und entwickelst Stücke im Team: Welche Grundeinstellung hast du bei all den unterschiedlichen Aufgaben und Positionen?
Ich vermute, dass eine grundsätzlich positive Grundeinstellung und sehr viel Neugier die Basis sind. Ansonsten gilt für mich das Kredo „let others shine“, wenn ich es mit einer Art Slogan sagen müsste. Das ist etwas, was ich in ganz vielen unterschiedlichen Disziplinen als Aufgabe für total wichtig halte. Natürlich ist eine gute Kommunikation ebenso essentiell für das gemeinsame Arbeiten und für die Ausdauer hilft sicherlich auch Spaß am Scheitern.

 

Was hilft dir, in deinem Berufsalltag mit all diesen vielfältigen Disziplinen in Balance zu bleiben?
Ich habe dieses Jahr „In-day Holiday“ [Erholung im Alltag Anm. d. Red.] für mich entdeckt, jedenfalls nenne ich es so. Es ist die Idee, sich immer mal wieder einen Moment Zeit zu nehmen, um für sich selbst zu reflektieren. In meinem Fall nehme ich mir Zeit, mich daran zu erinnern, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe. Ich bin Schauspieler, darf Künstler sein und habe die Chance, damit gut über die Runden zu kommen. Natürlich gibt es manchmal zu viele E-Mails und stressige Situationen. Daher hilft es mir, immer wieder für kurze Zeit zu atmen, von der Arbeit wegzuschauen und mich daran zu erinnern, dass ich eigentlich mein Leben lebe.

 

Was sollte deiner Meinung nach nicht unterschätzt werden, wenn man selbstständig ist?
Die Komplexität sollte auf keinen Fall unterschätzt werden. Selbstständigkeit bringt unzählige Herausforderungen mit sich, die tatsächlich gar nichts mit Kunst zu tun haben. Aber auch innerhalb der Kunst gibt es viele Herausforderungen. Bei mir war es so, dass ich mit anderen Künstler*innen zusammenarbeiten wollte. Aber in der Realität war ich auch viel allein. Es ist wichtig, die Lust an der eigenen Tätigkeit zu pflegen und trotzdem Ablehnung zu akzeptieren. Dieses Spannungsfeld ist gerade in unseren Disziplinen extrem wichtig. Es gibt so viele großartige Leute und alle wollen den einen Job. Eine Person erhält eine Zusage und 99 bekommen eine Absage. Das heißt, wir müssen früh genug anfangen, lustvoll mit dem Scheitern umzugehen, und natürlich sind Streitkultur und Kommunikation auch kontinuierliche Wachstumsbereiche. Es ist auf jeden Fall sehr hilfreich zu verstehen, dass man mit all diesen Aspekten nicht alleine ist und dass man auch eine gewisse Alltäglichkeit in die Kunst bringt. Es muss nämlich nicht immer „Wow“ und einzigartig sein, es darf auch schlicht die alltägliche Praxis sein.

 

Ein Beitrag im Rahmen des Projekts: „Folkwang StudiScouts“.

 

 

 

Zara Krauss / 09. February 2026