Den Blick des Autors im Blick - Bilder der Ruhrgebietsliteratur

Folkwang LAB: Projekt des MA-Studiengangs Literatur und Medienpraxis an der Universität Duisburg-Essen, des BA-Studiengangs Fotografie und des MA-Studiengangs Photography Studies and Practice an der Folkwang Universität der Künste

Über das LAB

Ausgangspunkt für das gemeinschaftliche Projekt ist die Ruhrgebietsliteratur: Literatur, die das Ruhrgebiet zum Thema hat (in Abgrenzung zu einer Literatur, die sich über den Wohnort oder Lebensmittelpunkt der Autoren/Autorinnen definiert). Im Zentrum des Diskurses zwischen den Studierenden der beiden Fächer Fotografie und Literatur- und Medienwissenschaft steht der Begriff des Autors/der Autorin in Literatur und Kunst. Für die Fotografie hat Klaus Honnef in seinem Aufsatz Thesen zur Autorenfotografie 1979 gefordert, analog zum Autorenfilm einen gesamtverantwortlichen Autor zu denken.  Die Autorschaft scheint jedoch nicht mit dem selbst fotografierten Bild verknüpft zu sein, denkt man etwa an Künstler wie Peter Piller, der mit Arbeiten aus vorgefundenen Fotografien bekannt geworden ist. In der Öffentlichkeit hält sich trotzdem bis heute hartnäckig das Bild vom ‚genialen, schöpferischen, individuellen Autor‘, der sich komtemplativ in seine ‚Seele‘ versenkt und aus seinem ‚tiefen Inneren‘ seine ‚originären Schöpfungen‘ hervorholt. Im Gegensatz dazu kann man, ausgehend beispielsweise von Theorien Roland Barthes´ und Michel Foucaults, weitaus differenziertere Konzeptionen von kollaborativer, intertextueller, inszenierter Autorschaft auf verschiedenen Ebenen entwickeln (der Erzähler im Text, der Autor des Text, die Selbstbeschreibungen eines Autors und der Autor als öffentliche Medienfigur). Es geht also einerseits um das Bild des Autors/der Autorin bis hin zum Porträt, andererseits um die eigene Rolle als Autor/Autorin.

Die Wahrnehmung des Ruhrgebiets durch die Schreibenden zeigt sich in Thema und Stil, auf diesen beiden Ebenen setzt die Auseinandersetzung der Studierenden an. Der Autor/die Autorin richtet den Blick auf das Ruhrgebiet (als Thema und Motiv, als Basis, als Ausgangspunkt, als Bühne und Handlungsort) und entwickelt eine entsprechende Form, die den Blick des Lesers/der Leserin durch den Text hindurch auf das Ruhrgebiet lenkt. Das Wie des Texts spielt also eine ebenso große Rolle wie das Was. Gleiches gilt für die zu erstellenden Arbeiten der Studierenden. Im Experiment zwischen Text und Bild mit nicht-linearen und nicht-realistischen Formen kommt es zu Abgrenzungen, Übertragungen, Analogien und Leerstellen. Inhalt und Form werden in ihren Wechselwirkungen und Verschränkungen wahrgenommen. Themen, die in der Literatur Relevanz entwickeln, werden so auch zu Themen des Labs.

Die Studierenden der Literatur- und Medienwissenschaft und der Fotografie nähern sich den Autoren/Autorinnen auf unterschiedliche Weise, wobei sie jeweils selbst wiederum zu Autoren/Autorinnen werden. Die Studierenden der Literatur- und Medienwissenschaft fertigen Autorenporträts an (Video), sie positionieren sich im Verhältnis zu den Autoren/Autorinnen mit Blick auf das Ruhrgebiet; die Studierenden der Fotografie nehmen den Blick der Autoren/Autorinnen auf und erstellen eine fotografische Arbeit anhand eines literarischen Textes über das Ruhrgebiet (über das jeweilige Thema des Autors/der Autorin), sie positionieren sich selbst im Ruhrgebiet im Verhältnis zum Blick des Autors/der Autorin. Sowohl im Videoporträt wie auch in der fotografischen Arbeit entwickelt sich die Form aus der literarischen Form der Ausgangstexte heraus.

Studierende, die im Bild zu Hause sind, treffen auf Studierende, die im Text zu Hause sind, mit ihren jeweils unterschiedlichen Erzählstrukturen. Dazwischen liegt Video als zeit- und bildbasiertes Medium. Sprache (Text) wird gegen Sprache (Bild) gesetzt und beides somit neu montiert. Die Auseinandersetzung – sowohl über die oben genannten Themen wie auch über die Lösungsansätze der Studierenden – findet im kritischen Gespräch immer gemeinsam statt, die Arbeiten werden individuell oder in kleinen Gruppen erstellt.

Wenn mit Brecht die Frage nach dem Realismus in der Literatur nicht anhand anderer (Vergleichs)Literatur sondern anhand der Realität draußen in der Welt bzw. unserer (mit Luhmann: ebenso konstruierten) Wahrnehmung davon abgeglichen wird, legen sich unvermeidlich unterschiedliche Zeit-Schichten übereinander. Auch wenn es sich um Gegenwartsliteratur und lebende Autoren/Autorinnen handelt, kann es doch sein, dass die Handlung des betreffenden Buchs 20 Jahre zurückliegt. Entwicklung, Veränderung, Stillstand wird sichtbar. Darüber hinaus wird das Ruhrgebiet in seiner Netzstruktur als besonders geeignet zum Sich-Treibenlassen beschrieben. So gesellt sich zur Figur des Autors jene des Flaneurs, die nicht nur aus der Literatur, sondern eben auch aus der Fotografie bekannt ist. Beispielhaft ist hier als Autor Florian Neuner zu nennen, der sich unter Berufung auf die Situationisten und Guy Debord an Dérive-Experimenten im Ruhrgebiet versucht.

Folkwang LAB
Sommersemester 2012

Studiengang/Bereich:
Gestaltung
Photography

supported by
Prof. Elisabeth Neudörfl