Wissenschaft

Studientag Schönheit

„Was das Schöne sei“: Studentisches Kolloquium am 15. Juni 2015

„Was das schöne sei“ war der Titel des studentischen Kolloquiums, zu dem das Institut für Kunst- und Designwissenschaft am 15. Juni 2015 in das SANAA-Gebäude geladen hatte.

Wie kommt es heute zu einem umfassenden Werturteil? Wie etablieren sich Werte-Kriterien aus verschiedenen Bereichen heute wie zu anderen Zeiten? Eine kurze Geschichte der Vorstellung, was zu verschiedenen Zeiten als "schön" galt, war ebenso Gegenstand der kontrovers geführten Diskussionen wie das Unschöne oder das Hässliche. Diese und andere Fragen beleuchteten 23 Vorträge, die teils grundsätzliche Fragen, teils einzelne Künstler und Gestalter mit ihren Entwürfen in den Vordergrund stellten.

Prof. Dr. phil. habil. Cordula Meier, Leiterin des Instituts für Kunst- und Designwissenschaft: „Fast schon Tradition geworden, hat mich der diesjährige Studientag sehr beeindruckt. Die sprachlich und inhaltlich adäquate Vermittlung komplexer Inhalte ist ein entscheidendes Kriterium für den Erfolg eines Wissenschaftlers. Alle Beteiligten haben diese Aufgabe überzeugend bewältigt. Ich bewerte das als Beleg für die erfolgreiche Arbeit unseres Masterprogramm ‚Kunst- und Designwissenschaft’. Besonders gefreut hat mich der große Zuspruch, den der Studientag in der breiteren Öffentlichkeit gefunden hat. Die Studierenden haben neben Vorträgen und Rahmenprogramm auch den Werbeauftritt in weitgehender Eigeninitiative verantwortet. Die geradezu vorbildliche Verbindung von Theorie und Praxis hat eindrucksvoll unser Selbstverständnis von der Folkwang Universität als Ort lebendiger Wissenschaft veranschaulicht. “

_Die Vorträge

Die Ästhetik des Apfels | Dominik Blase

Heutzutage bleibt die individuelle Vielfalt des Apfels oft im Verborgenen. Die meisten Menschen kennen den Apfel nur als hochgezüchtetes Produkt aus dem Supermarkt. Eine Auseinandersetzung mit der ästhetischen Geschichte des Apfels von der Verführung im Paradies über verschiedene Stationen in der Geschichte bis hin zum alltäglichen Sprachgebrauch in Form von Redewendungen zeigt die Wichtigkeit des Nahrungsmittels auf. Heutzutage erleben wir auf Grund von Standarisierung und einer Reduzierung des Sortenbestandes den Verlust der Vielfalt. Dem Verbraucher angepasst, verliert der konventionelle Apfel seinen Charakter und der Ursprung des Apfels geht verloren. Die Sortenvielfalt im Supermarkt gleicht dem der anderen Supermärkte und von den eigentlich 30.000 Apfelsorten werden im Durchschnitt gerade einmal zehn angeboten. Übrig bleibt eine Pseudovielfalt, welche objektive Erfahrungen ausschließt. Eine Gegenposition könnte der Bioapfel einnehmen. Sein Aussehen gleicht wieder den Äpfeln von früher.

Der Goldene Schnitt | Ann-Kathrin Mäker

... ist ein Spezialfall der Komposition, der eine Bildfläche oder Teile der Bildfläche in dem Teilungsverhältnis 3:5 gliedert. Erstmals wurde diese Teilung von Euklid (365-300 v. Chr.) in seinen ,,Elementen" formuliert. Dem als besonders harmonisch empfunden Maß- und Proportionsverhältnis kam in der Antike eine enorme Bedeutung zu. Im Bemühen um eine ,,Idealproportion" wurde er während der Renaissance vielfach angewandt. Im 19. Jahrhundert wurde der Goldene Schnitt an den ungewöhnlichsten Stellen gesucht und auch gefunden. Somit sind aber nur einige Beispiele genannt, wann ein Interesse vorlag. Das er aber auch etwas sehr willkürliches ist und überall gefunden werden kann, wird u.a. an der Gestaltung von Webseiten deutlich. So werden die einzelnen Bestandteile von Webseiten (z. B. Zalando und Nike) entlang des Goldenen Schnitts gestaltet, da dies als optisch ansprechend gilt und die Besucher länger an ihre Seiten binden würde.

Ästhetik des Müßiggangs | Björn Mismahl

Im 18. Jahrhundert, als Gegenreaktion auf damals aktuelle Konfliktherde gepflegt, gerät der Müßiggang in das Bewusstsein der Betrachtung. Hermann Bauer spricht von einer „Kunstwirklichkeit“, die das Gegenstück zum vorherrschenden Skeptizismus der Zeit bildet.

Die Sehnsucht bezirzt zu werden, im Gleichgewicht mit einem Gefühl von Vertrauen und Sicherheit, bleibt ein übergreifendes, ästhetisches Phänomen. Der Müßiggang als „produktives Träumen“ nach Siegfried Lenz, ist sowohl Kreativitätstechnik, Rückzug, Erholung, als auch Form gewordener Inhalt, der sich in einer Idee von Schönheit ausdrückt.

Die schöne Tote am Beispiel Izima Kaoru | Miriam Hüning

Der Titel meines Vortrags verbindet den Begriff der Schönheit und des Todes. Auch Elisabeth Bronfen setzte sich 2004 in ihrer Publikation „Nur über ihre Leiche: Tod, Weiblichkeit und Ästhetik“ mit der schönen weiblichen Leiche auseinander. Untersucht wird die Fotografie „Karena Lam wears Jean Paul Gaultier“ von 2007 aus Izima Kaorus Werkreihe „Landscapes with a Corpse“. Es zeigen sich Parallelen zu den Bildnissen der Ophelia, die im viktorianischen Zeitalter im 19. Jahrhundert verbreitet waren. Welche unterschiedlichen Frauenfiguren finden sich in den Gemälden der präraffaelitischen Bruderschaft, 1848 in London gegründet, wieder? Ist es die „Femme fatale“, die „Femme fragile“ oder das religiöse Bild einer Heiligen? Ergibt sich eine Parallele zur Natur – Frau Thematik oder ist es eine wahnsinnige Frau? Die Fotografie der Frauenleiche von Izima Kaoru liefert Hinweise, die Rückbezüge zu den damaligen Frauentypen ermöglichen.

Faszination der Bilder der Hysterie – Von Charcots Symptombildern zu Louise Bourgeois` Skulptur Arch of Hysteria | Anne Kema Pecht

Die Körper der an Hysterie erkrankten Frauen betören mit Grauen und faszinieren zugleich. Wie konnte eine solche Krankheit zu einem ästhetischen Phänomen werden?

Der Arzt Jean-Martin Charcot wollte in einem Ordnungssystem alle Symptome der Hysterie veranschaulichen. Dafür nutzte er die Möglichkeiten der Dokumentation durch die Fotografie. Es entstand eine ganze Ikonografie der Hysterie. Die Körperlichkeit der Frauen rückte in den Fokus der Krankheit. Die deutlichste Ausformung der Hysterie tritt im hysterischen Bogen(Arc de cercle) zutage: Ausdruck eines Aktes der Gewalt und des Schmerzes. Gleichzeitig werden scheinbar körperliche Energien und Kraft freigesetzt.

Fasziniert von den hysterischen Körpern zeigten sich auch die Surrealisten. Die Künstler wollten die Hysterie in einen poetischen Ausdruck verwandelt. Bei der Skulptur Arch of Hysteria (1993) von Louise Bourgeois ist es keine Frau, die als hysterisch dargestellt wird, sondern ein männlicher Körper. Der hysterische Bogen wird mit dieser Skulptur zu einem Sinnbild der Leidenschaften und Anziehungskräfte, der Wut und Verweigerung.

Die Moderne als Ornament - Schönheit zwischen Reduktion und Dekoration | Ellen Kozik

Es gibt keine radikalere Haltung gegen das Ornament als jene, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts im europäischen Westen vorherrschte. Für die Klassische Moderne galt das Ornament als die Verunreinigung der reinen Form. Allerdings sehen u.a. Niklas Luhmann und Markus Brüderlin in den Werken der abstrakten Kunst bereits ornamentale Infrastrukturen. Dies kann erklären, weshalb beispielsweise die Werke von Piet Mondrian eine starke Affinität dazu besitzen als Vorlage für dekorative Stoffe und Produktdesigns in den 1960ern zu dienen. Ihnen wohnt ein ornamentaler Charakter inne, durch den die Ikonen der Moderne oft selbst musterhaft appliziert werden. Kann man also die Formensprache der Klassischen Moderne selbst als dekoratives Ornament ansehen? Aus dieser kritischen Betrachtung entspringt das Bedürfnis nach einer aktuelleren Definition des Ornaments – einem Element, das der Strukturierung und Akzentuierung dient und nicht nur der reinen Dekoration.

Die Schönheit der Moderne – zum Beispiel der Deutsche Pavillon Barcelona 1929 | Katty Saavedra

Die Moderne wird hier als zeitliche Epoche von 1900 bis etwa 1930 verstanden. In diesem Zeitraum wandeln sich grundlegend die Wirklichkeitsvorstellungen von Raum und Zeit. Einstein zeigt 1905 in der Spezielle Relativitätstheorie eine neue Gleichzeitigkeit auf und Picasso diese 1907 in seinem Kubismus-Bild mit 5 Frauen.

Schönheit wird in der Moderne subjektiv und erhält Funktionen.

Die Konzeption des Pavillons von Mies umfasst 4 Elemente: Die Horizontlinie als dominante Perspektive (= Figur in der Moderne für die Geschwindigkeit). Strikte Trennung von Trägerstruktur und Wand (= fließender Raum). Spiegelnde Oberflächen (vermehren Reichtum der Raumerlebnisse). Skulptur „Morgen“ von Kolbe. Die Statue kann als eine der verborgenen Schlüssel des Konzeptes gesehen werden. Die Wand, die Statue und die Stützpfeiler öffnen eine andere Perspektive, eine neue Lesart.

Schönheit ist etwas Immaterielles, etwas Geistiges (Mies).

[form = funktion = schönheit] Max Bill und seine Formel | Viktoria Lea Heinrich

Für Max Bill war die Schönheit eine Funktion, die es zu gestalten galt. Was verstand er unter dem Schönheitsbegriff? Lässt sich sein Konzept der Guten Form im aktuellen Designdiskurs wiederfinden? Der von ihm angestrebte Idealzustand kann als allumfassende Umweltgestaltung bezeichnet werden, mit dem Ziel einer Kultur. Schönheit ist bei Bill die neutrale, typische, gute Form. Schönheit ist die Summe aller Funktionen in harmonischer Einheit. Diese Idee bleibt immer noch aktuell. Jasper Morrison und Naoto Fukasawa übertrugen diesen Gedanken auf die Ausstellung „Super Normal: Sensations of the Ordinary“, indem sie 204 Objekte des alltäglichen Lebens zusammentrugen, auf der Suche nach gewöhnlichem, bewusst unauffälligem, super normalem Design. Martin Aufmuth folgt mit dem Projekt „One Dollar Glasses“ ebenfalls dem Ansatz. Auch das Manifest „Beyond the New“ von Jongerius und Schouwenberg rief im Jahr 2015 die Aktualität des allumfassenden Gestaltungsansatzes von Max Bill wieder in Erinnerung.

Ein schönes Buch nach Jan Tschichold | Kathrin Kuska

Die Gegenwart des schönen Buches ist historisch begründet und mit einem Regelwerk zu beschreiten. Das literarisch zeitlose Buch soll keinem modischen und persönlichen Geschmack unterliegen. Vielmehr geht es darum, denn Inhalt des Buches zu schützen und diesem in der Gestaltung gerecht zu werden. Damit strebt der Buchgestalter nach dem Vollkommenen, dass dadurch in der Nähe des Langweiligen steht. Als Rezipient könnte man das eine mit dem anderen verwechseln. Laut Tschichold gibt es nur eine kleine Elite, die ein gut gemachtes Buch als solches erkennt. Die Mehrzahl der Leser nimmt diese Qualität des Werkes nicht wahr.

Die Ästhetik der Nacht | Johanna Mehl

Die Ästhetik der Nacht assoziieren wir mit dem Sternenhimmel, der Dunkelheit und der Stille als ihre äußeren Eigenschaften. Doch Hegel erkannte, dass die Nacht kein Gegenstand ihm gegenüber sei, sondern ihn durchdringe. Es gibt eine innere Nacht des Menschen, einen dunklen Kern, in dem seine Ängste und Sorgen begraben liegen. Aus der Zusammenkunft von innerer und äußerer Nacht entsteht das Ästhetische, was wir empfinden – bei Kerzenschein, in Melancholie, im Horror, im Geheimnisvollen. Wir schauen hinaus in die All-Nacht und tragen die Dunkelheit in uns selbst. In dieser Dopplung liegt die Spannung, die beschrieben wird als Anders-Welt und Möglichkeit der Reflexion unter anderen Parametern – und auch als zwiespältiges Pendant des Lichts, in dem sowohl schlafende Seelenruhe, als auch schlaflose Unruhe liegen. In Zeiten des ewigen Tages durch die Globalisierung, sowie das Bekämpfen der inneren Nacht durch Licht in Form von Displays, sind wir im Begriff diese Nacht zu verlieren und eine neue Ästhetik zu etablieren.

Ästhetik des Lichts und des Nichts | Mike Rösgen

Auf die Nacht folgt die Dämmerung. Aus dem scheinbaren Nichts treten zuvor verborgene Entitäten ins Licht. Die Ambivalenz von Licht und Nichts wird zum Sichtbaren und Verbergenden. Ohne Licht wären unsere Städte leblos, tot und unbeseelt. Die Ästhetik des Lichts und des Nichts durchdringt alle Ebenen der menschlichen Natur, und spiegelt sich wider in der Ordnung von Licht und Schatten. Im ersten Teil wird der Dualismus von Licht und Finsternis anhand der manichäistischen Heilsgeschichte dargestellt, um die Frage nach den Machtverhältnissen von Licht und Finsternis zu beleuchten. Die Differenzen von Naturschönem und Kunstschönen Licht werden im Mittelteil anhand der Architektur behandelt. Die zweckgebundene Dominanz beider Extreme soll erörtert werden, um im letzten Teil eine Auflösung des Machtverhältnisses von Licht und Finsternis zu diskutieren. Das Werk „Surface Daylight“ (2009) von Daniel Rybakken wird abschließend im Spannungsfeld von Licht, Finsternis und Architektur analysiert.

Faszination Weltall: Die fremdartige Schönheit der galaktischen Nebel | Nina Harbig

Es gibt viele Dinge, die uns faszinieren und von deren Schönheit wir gleichermaßen verzaubert und abgeschreckt sind. Dinge, die wir kennen, die greifbar sind und deren Schönheit wir auch verstehen, da wir sie beispielsweise berühren können. Doch sind wir nicht auch gleichermaßen von etwas uns völlig Unbekannten beeindruckt? Etwas, das wir nicht verstehen, das wir nicht berühren oder gar besitzen können, weil es beispielsweise für einen Menschen gar nicht greifbar ist?

Nur durch eine extrem lange Belichtungszeit wird dem Menschen die Möglichkeit verschafft die Schönheit des Kosmos‘ visuell zu erkennen. Die unterschiedlichen galaktischen Schönheiten sind nur ein Bruchteil der unzähligen weiteren visuellen Phänomene, die sich in unserem Weltall befinden. Woher kommt schließlich unsere unendlich erscheinende Schöpfungsquelle, wenn nicht aus den Dingen, die uns umgeben und die schon vor uns da waren, wie beispielsweise das Firmament über unseren Köpfen, was schon immer da war und vermutlich auch nach uns noch immer da sein wird.

Das Naturhafte der Technik als das Schöne | Arne Meyer

Natur und Technik gelten traditionell als unversöhnliche Gegensätze. Die Schönheit der Natur zu sehen, gilt als Sache der Romantiker; die Maschinentechnik zu preisen, als wichtiger Aspekt des Futurismus. Was, wenn Romantik und Futurismus mit ihrem Schönheitsbegriff keinen Gegensatz, sondern eine Synthese bildeten? Mit den Romantikern erwachte der Sinn für das Schöne in der Natur. Die industrielle Revolution hatte ihn herausgefordert, sie zerstörte und enträtselte die Natur. Ein starker Gegensatz wird begründet: Technik oder Natur. Keine 100 Jahre später scheint die Technik zu siegen. Der Futurismus feiert Technik, Kampf und Geschwindigkeit. Doch seine Sprache ist voller Rückgriffe auf die Natur. So ist etwa die Rede von „gefräßigen Bahnhöfen, die rauchende Schlangen verzehren“ und von „breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen“. Der Futurismus bleibt nicht der pure Kontrast zur Romantik, sondern er verbindet romantische Elemente – die naturhafte Sprache, die Betonung animalischer Wildheit und Gefahr – mit der Idealisierung der Technik. Das Naturhafte der Technik wird zum Schönen.

Die Norm der weiblichen Schönheit | Nina-Marie Schüchter

Mit der sich im 20 Jahrhundert formierenden Avantgarde trat ein grundlegender Wandel der Betrachtung von Schönheit ein, auch im Kontext des weiblichen Schönheitsideals. Pablo Picasso, Lucian Freund und andere Künstler strebten einen Realitätsbezug an, dieser sollte das klassische Schönheitsideal aus der Antike vom hohen Thron seiner Jahrhunderte langen Existenz heben. In den 1970er Jahren lehnen sich zum ersten Mal Künstlerinnen kollektiv gegen die männlich dominierte Kunstgeschichte und diese einseitige Visualität auf. Sie befreiten sich von der Rolle des Modells und der Muse, indem sie sich künstlerisch emanzipierten. Auch heute noch agieren zeitgenössische Künstlerinnen in dieser feministischen Tradition. Das 21. Jahrhundert, die Digitalisierung und das virtuellen Zeitalter werfen neue Fragen auf in Bezug auf die weibliche Norm der Schönheit. Das antike Ideal der Symmetrie und der Perfektion ist heute, im Zusammenhang von Massenmedien und Modeindustrie in aller Munde.

Schönheit der Prothese | Katharina Umbach

Gerade in den letzten Jahren wurden viele Betrachtungsansätze auf Prothesen eröffnet, etwa aus Sicht der Medizin, der Techniktheorie und der Kulturwissenschaft. Prothesen sind jedoch auch Gebrauchsgegenstände, visuell fassbare Artefakte, Designobjekte im Wirkungsfeld von Medizin, Technik und Körper, deren Gestaltung Ideen von körperbezogener Schönheit transportiert und spiegelt. Dies gilt es in Anlehnung an in der Medizin und in der Soziologie beschriebenen Schönheitsidealen designwissenschaftlich zu reflektieren. Im Blick auf das moderne Prothesendesign zeigt sich dabei, dass dieses nicht mehr zwangsläufig der Idee des Imitierens oder Kaschierens folgt, sondern die Prothese und deren Gestaltung in einem farblichen, stofflichen und formbezogenen Bruch zum „natürlichen Körper“ in den Blickpunkt

des Betrachters rückt. Dieser Beobachtung folgend, lassen sich zwei Gestaltungsideen unterscheiden: Die Prothese als Imitat in Abgrenzung zur Prothese als Denkmal.

„Die Bikiniklasse“ oder „Du musst dein Leben ändern“ | Eva Busch

Die aktuell zu beobachtende Popularisierung des Bodybuildings als Wettkampfsport hängt, offensichtlich, mit der 2005 im Regelsystem des IFBB/DBFV eingeführten Bikini-Fitnessklasse zusammen. In den Bewertungsrichtlinien werden Aspekte genannt, die eine symmetrische Körperform, weibliche Ästhetik, Make-up und feminine Gesamterscheinung betonen. Muskulösitat oder Definition sind hingegen keine Wertungskriterien. Statt weiblicher Hypermuskulösität, deren queering-Potenzial umfassend diskutiert wurde, treten hier Frauen mit perfekten Körpern an, denen ein qualitativ anderer verinnerlichter Gestaltungsprozess zugrunde liegt. Ich schlage hier eine Lesart dieses Phänomens vor, die sich an Peter Sloterdijks Ausführungen in „Du musst dein Leben ändern“ (2009) anlehnt, die den Menschen als Übenden, um dem Tod zu entkommen sich perfektionierenden begreift. Ergänzt wird dies durch eine Work hard – play hard-Ästhetik, die sich ebenfalls in der Rhetorik der Selbstinszenierungen in sozialen Medien niederschlägt.

Das „Schöne“ leben, oder wie man das „Schöne“ lebt! | Tobias Ellinger

Das war „schön“, hören wir uns sagen und meinen nicht das Cabrio mit dem wir die sonnige Küstenstraße entlang gefahren sind, sondern den Moment, also das Zusammenspiel von gestaltetem Produkt, menschlicher Interaktion und Umwelt. So liegt das „Schöne“, nicht in den Dinge, sondern dem „Dazwischen“. Dort lebt das „Schöne“. „Was das Schöne sei“ wollte Sokrates wissen und wusste das doch jeder für sich selbst sagen kann was er schön findet nur keiner „Was das Schöne sei“. In der Antike zählte „das was sich schickt und was nicht“, und nur das was Frucht trägt hat eine Chance. Auch die Herleitung aus der Funktion und der Wahrheit schienen das „Schöne“ nicht aus ihrem Versteck zu locken. Alles kann schön sein, sagt Marc Hassenzahl und lenkt unseren Blick auf das Sein und nicht das Haben. Und doch bleibt der Satz von Stendhal bestehen: „Die Schönheit ist nur ein Versprechen von Glück.“ Konrad P. Liessman wünscht sich am Ende nur eins, dass die „schönen“ Dinge „die Alltäglichkeit des Alltäglichen“ verklären und „mit einem Schimmer versehen“ der eine Ahnung von einem „geglückten Leben“ vermittelt.

_Weitere Themen:

So böse, so schön! | Christiane Ebrecht

Das Ornament um 1900 – geliebt, gehasst, gebraucht | Elisabeth Meno Wall

Vom Schönen und Bösen. Eine designwissenschaftliche Betrachtung der Kalaschnikow | Jil Geyer

Körpertorturen | Katharina Krüger

My Every Day Make-up Routine | Talitha Müller