Die internationalen Shakespeare-Projekte
der Folkwang Universität der Künste

I. Was war und was sein wird: Vorgeschichte und Perspektive

Seit vielen Jahren hat der Studiengang Schauspiel der Folkwang Universität der Künste weit reichende Erfahrungen mit internationalen Koproduktionen zwischen renommierten Ausbildungsstätten auf der ganzen Welt. Bereits Ende der 80er Jahre entstanden z. B. die ersten mehrsprachigen Projekte mit Polen und Israel.

Mit den Shakespeare-Projekten "Verlorene Liebesmüh" (2001 mit Seattle, Taschkent/Usbekistan und Tel Aviv), "Was ihr wollt" (2004 mit New York und Amsterdam), "Komödie der Irrungen" (2006 mit New York und Brno/Tschechien), "Der Sturm" (2008 mit New York und Glasgow) und "Richard III" (2010 mit Glasgow und Sibiu/Rumänien), gezeigt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (bis 2004) und dem Schauspiel Essen (2006-2010), erlebten die mehrsprachigen Produktionen ihre bisherigen Höhepunkte. Im Jahr 2011 wurde "Ein Sommernachtstraum" gezeigt. Erstmalig waren vier internationale Partner beteiligt: Columbia University New York, Drama Academy Ramallah, Theatre Academy Shanghai und Lucian Blaga Universität Sibiu. Das Festival hat außerdem zum ersten Mal in den Räumlichkeiten der Folkwang Universität der Künste stattgefunden. Beim siebten Shakespeare-Festival im April 2013 stand das Stück "Romeo und Julia" im Fokus – beteiligt waren wieder vier Hochschulen aus der ganzen Welt: Staatliche Theaterhochschule Ludwik Solski Krakau, Drama Academy Ramallah, Theatre Academy Shanghai und Lucian Blaga Universität Sibiu.

Mit den großen Erfolgen, die diese spezielle Art der künstlerischen Auseinandersetzung und Begegnung beim Publikum und den Beteiligten hatten, entstand die Idee, diese exemplarische internationale Arbeit mit jungen DarstellerInnen regelmäßig stattfinden zu lassen. Die Folkwang Universität der Künste behält dabei die Federführung der gesamten Konzeption.

Vorbereitung und Durchführung eines solch komplizierten Projektes setzt bei allen beteiligten Partnern eine gemeinsame Vertrauensbasis und ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit sowie Kooperationsbereitschaft voraus.

Im Shakespeare-Jahr 2016 geht es um "Viel Lärm um nichts", beteiligt sind diesmal die Staatliche Theaterakademie PWST Kraków (Polen), die Durban University of Technology (Südafrika), die University of Melbourne (Australien) und die Folkwang Universität der Künste (Deutschland). 

II. Was passiert wann und wo: Konzeption und Ablauf des internationalen Projektes

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, eine mehrsprachige, internationale Produktion zu konzipieren. Bei unseren Shakespeare-Projekten haben wir ein bisher einmaliges Modell gefunden, das auch bei der Presse und in der Öffentlichkeit als beispielhaft angesehen wird:

Jede der beteiligten Schulen studiert das ausgesuchte Stück mit ihrer Regisseurin oder ihrem Regisseur in ihrer Sprache in ihrem Land vollständig bis zur Premierenreife ein, bringt es gegebenenfalls vor Ort heraus. Die Regisseurin bzw. der Regisseur soll ein/e Professor/in oder Dozent/in der Hochschule sein, in jedem Fall erfahren in der Arbeit mit Studierenden, kein/e Regie-Student/in.

Etwa ein Jahr zuvor hat sich die Leitungsgruppe auf einen gemeinsamen Grundraum geeinigt. Die Kostüme, Kleinrequisiten, ev. Masken etc. entwerfen die jeweiligen Gruppen für ihre Aufführungen selbst und stellen sie auch selbst her. Diese Dinge werden von den Gruppen nach Deutschland mitgebracht.

Für das Festival in Deutschland reisen die auswärtigen Gruppen an und zeigen zunächst ihre eigene Produktion in ihren Kostümen im bereitstehenden Bühnenraum. In einer kurzen Probenphase entsteht danach die gemeinsame internationale Aufführung, an der alle beteiligt sind.

Englisch als Arbeitssprache während des Aufenthalts in Deutschland stieß bisher bei keinem der Beteiligten auf Probleme. Nach Ende der Serie in Deutschland kann jede Schule ihre Version im eigenen Land weiterspielen.

Der technische Aufwand und die Ausstattung sind aus einsehbaren Gründen möglichst gering zu halten. Auch in Bezug auf Licht und Ton (Musik vom Band, ev. Mikros etc.) ist der Rahmen bescheiden.

Jeder Partner ist selbständiger Produzent der eigenen Inszenierung. Alle mitgebrachten Kostüme etc. gehören ihm und werden nach der Serie in Deutschland wieder mitgenommen, auch um die eigene Produktion im eigenen Land weiter zu spielen.

Rechtlich handelt es sich um eine Koproduktion der Folkwang Universität der Künste und den Partnerschulen im Ausland, mit denen die Hochschule Kooperationsverträge schließt. Jeder Partner garantiert das Zustandekommen seiner Produktion und haftet dafür.

III. Warum das alles? Vision und Utopie

Die Häufung mehrsprachiger, internationaler Projekte an etablierten Theatern ist fast schon eine Modeerscheinung geworden. Die Gründe liegen auf der Hand: Einerseits wächst die Welt scheinbar durch die Globalisierung und durch immer raschere Kommunikationswege enger zusammen. Andererseits stellt der wachsende Nationalismus verstärkt die Frage nach Wert und Wichtigkeit kultureller Identitäten. Das unbekannte "Fremde" einer anderen Kultur wird bekämpft oder modisch vereinnahmt. Nur selten findet eine tiefere Auseinandersetzung auch im künstlerischen Bereich statt. In diesem Spannungsfeld kann und muss das Theater neue Fragestellungen finden.

Anders jedoch als in der vielbeschworenen (Dauer)Sinnkrise des etablierten deutschen Stadttheatersystems, das alles Neue folgenlos vereinheitlichend auf- und leer saugt, kann die internationale Zusammenarbeit an Kunsthochschulen wirklich ein verändertes Denken und innovative Spiel- und Produktionsformen hervorbringen. Insofern war und ist es ein wesentliches Merkmal der Shakespeare-Projekte, dass sie eben außerhalb der traditionellen Theater mit ihren schwerfälligen Apparaten und Produktionszwängen entstehen. Auf Ausstattungsorgien wird verzichtet. Im Zentrum stehen die Darstellerin und der Darsteller mit ihren Mitteln und Möglichkeiten. Ein möglichst großer Freiraum soll erhalten bleiben, der Platz für Phantasie, Entwicklungen und kreative Prozesse lässt. Darüber hinaus handelt es sich bei den Beteiligten um kein zusammengewürfeltes Ensemble aus verschiedenen Ländern, sondern um Gruppen von jungen, lernenden, engagierten DarstellerInnen, die einen neuen unverstellten Umgang mit dem alten Text anstreben. Außerdem bleiben die Arbeitsergebnisse der einzelnen Partner durch die Beschäftigung mit einem Stück im "Endprodukt" erhalten und doch gibt es eine gemeinsame "Auflösung". Die Idee, mit einer Eigenarbeit an einem neuen, gemeinsamen "Produkt" zu arbeiten, ist mehr als ein Theatervorgang. Die Beurteilung und Wertung der eigenen Arbeit und die der anderen Gruppen, das Herstellen von Bezügen, die Auseinandersetzung mit Ähnlichkeiten und Unvereinbarkeiten auf der Basis einer Erfahrung mit identischem "Material" (dem Stück), verlangt einen vorurteilsfreien, eigenständigen und zugleich toleranten Umgang miteinander.

Die Idee der internationalen Shakespeare-Projekte besteht also nicht nur darin, dass sich die Eigenarten kultureller, sprachlicher und nationaler Identitäten begegnen mögen. Das "utopische" Ziel ist, dass sie sich durch Offenheit und Auseinandersetzung gegenseitig bereichern ohne konturlos zu verschmelzen. Es geht also um eine viel tiefere Definition dessen, was Theater und Schauspielkunst in einer sich rasant verändernden Welt bedeuten könnten.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Konzeption mehr ist als das bloße "Herstellen" einer weiteren internationalen, mehrsprachigen Koproduktion. Es geht um eine gemeinsame Vision: Die Auseinandersetzung mit einem historischen Stoff durch Arbeitsweisen aus verschiedenen Kulturkreisen soll die Entwicklung einer eigenen Theatersprache begründen, die jenseits aller Sprachbarrieren, aller nationalen Krisen und Probleme "Theater" als utopischen Ort neu definiert.

"Verlorene Liebesmüh", "Was ihr wollt", "Komödie der Irrungen", "Der Sturm", "Richard III","Ein Sommernachtstraum" und "Romeo und Julia" haben auf diesem Weg viel erreicht. Für alle Beteiligten waren es prägende "Life-Experiences", für das Publikum ein außergewöhnliches Erlebnis und für den Veranstalter eine echte Bereicherung, auch durch den Umstand, innerhalb kürzester Zeit ein Stück in mehreren verschiedenen Interpretationen zeigen zu können.
Auf dieser Erfahrungsbasis wird für die nächste Auflage des Festivals im Shakespeare-Jahr 2016 aufgebaut und das Konzept weiter entwickelt.