Folkwang trauert um Prof. a. D. Günter Titt

Pantomime Professor verstarb im Alter von 92 Jahren

Die Folkwang Universität der Künste trauert um Prof. a. D. Günter Friedrich Karl Titt. 1947 schloss Titt sein Studium im Fach Schauspiel an der Folkwang Hochschule ab und begann bald danach eine Ausbildung als Pantomime bei Jean Soubeyran in Westdeutschland und Paris. Dieser Schritt war bereits wegweisend für seinen weiteren Werdegang an Folkwang.

Jahrelang bereiste er mit verschiedenen Tourneen die Welt, gab Gastkurse, wirkte bei Fernsehsendungen mit und war aktiv am Aufbau des Ensemble Soubeyran im In- und Ausland beteiligt. 1962 kam er zurück an die Folkwang Universität der Künste. Er lehrte hier als Professor im Fach Pantomime sowie im von Bettina Falckenberg und ihm gegründeten Studiengang Physical Theatre und setzte damit den Grundstein für den heute international renommierten Studiengang.

Prof. em. mim. Peter Siefert, ehem. Studiengangsleiter Physical Theatre und Prof. Thomas Stich, Studiengangsleiter Physical Theatre, würdigen ihren Lehrer, Wegbereiter und Kollegen Günter Titt jeweils mit einem Nachruf:

der meister

er war ein wunderbarer lehrer; nie launisch, nie krank, nie ungenau, er war immer da, immer pünktlich und immer anders: pingelig, wenn man zu lässig war, lässig, wenn man zu pingelig war. fordernd, wenn man zufrieden war und zufrieden, wenn man sich überforderte. aber er war streng. und begeisternd. und witzig. und konnte so viel:

formulieren. so treffend, dass man getroffen wurde.
erklären. so gut, dass man verstand, was man selber wollte
führen: so hilfreich, dass mans gar nicht merkte.

nie hat er durch vormachen eingeschüchtert, stets durch beobachten, beraten und bestätigen mut gemacht. er war immer ehrlich, ehrlich verzweifelt, ehrlich glücklich. brauchte keine spielchen, keine psychotricks. wenn er nicht weiter wusste, gab ers zu. und spornte so an, weiterzumachen. und gemeinsam zu entdecken. was? – sich selbst. die qualitäten, die man hat, die probleme, die man überwinden kann und das, was man dazu braucht: das handwerk.

das war seine große kunst: durchs handwerk führte er zum inhalt und durch inhalt führte zum handwerk. mit viel arbeit, spaß. und geduld.

das muss sich setzen
du kannst das
tu einfach so als ob dus könntest
theaterspielen ist so tun als ob aber dran glauben
nicht schneller spielen als dein herz schlägt
nicht zu viel wollen
alles wollen
aber nicht alles auf einmal
denk nur an den nächsten schritt
und dann an den nächsten
und dann …

ich hatte das glück, sein erster schüler zu sein und verdanke ihm alles: den mut als pantomime pepusch zwei stunden allein auf der bühne stehn zu wollen, zu sollen, zu können.

wie gesagt: ein wunderbarer lehrer. ein vorbild. das vorbild. unsterblich.

_Prof. em. mim. Peter Siefert, ehemaliger Studiengangsleiter Physical Theatre

 

Foto: Prof. Erich vom Endt

 

Der Gründer und  langjährige Leiter des Studiengangs Pantomime – heute: Physical Theatre – an der Folkwang Universität der Künste, Günter Titt, ist am Sonntag, dem 11. Juni 2017, im Alter von 92 Jahren verstorben.

Zum 50-jährigen Bestehen des Studiengangs an Folkwang erzählte er – damals schon über 90 Jahre alt – während einer Feierstunde 2015 in seiner unnachahmlichen, vitalen Art von den Anfängen der Pantomime in Deutschland und der herausfordernden und mit zahlreichen Unwägbarkeiten verbundenen Gründung des Studiengangs, den er mit seiner kongenialen Partnerin Bettina Falckenberg eingerichtet hatte und der bis heute ersten und einzigen Ausbildungsstätte für KünstlerInnen des Physischen Theaters in Deutschland. 

Günter Titt verdanken wir nicht nur die Gründung des Studiengangs Pantomime, sondern auch die Etablierung eines lange Zeit weithin unbekannten, wenngleich zentralen Aspekts der Schauspielausbildung, nämlich die erste systematische Körperausbildung für SchauspielerInnen des deutschsprachigen Nachkriegstheaters. Ein Konzept, beispielhaft, stilbildend und inzwischen so selbstverständlich, dass ganz vergessen wird, wo diese Methodik entstand: in der damaligen Folkwangschule. Ganze Generationen von SchauspielerInnen sind durch diese „Schule“ von Günter Titt gegangen und in einem wesentlichen Aspekt der Schauspielkunst geschult worden: dem Körper, der Freilegung darstellerischer Kreativität und Wirksamkeit durch spielerische Körperarbeit.

Sein entwaffnender Humor und seine einnehmende Klarheit waren neben seiner fachlichen Exzellenz sowie seiner Unnachgiebigkeit in Qualitätsfragen künstlerischen Tuns wesentliche Merkmale seines Wirkens als Studiengangsleiter und Lehrmeister. Seinem durchgängig hohen Anspruch an seine Studierenden entsprangen weltweit hochgeschätzte Künstlerinnen und Künstler, etwa die Compagnia Buffo, Pepusch, Paco Gonzales, Habbe und Meik bis hin zum  Maskentheaterensemble Familie Flöz.

Das Motto der damaligen „Geburtstagsfeier“ lautete: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Günter Titt war auch weit nach seiner Pensionierung eine Autorität auf dem Feld des mimischen Theaters und für seine Nachfolger im Amt immer wieder Anlaufpunkt für Beratungen, kritische Nachfragen und pädagogische Hinweise. Er blieb dem Studiengang zeitlebens verbunden als Inspirationsquelle, Ideengeber und  flammender Verwalter von  tradierten Ausbildungsinhalten.

Sein Buch „Die Kunst der Pantomime“ endet mit dem Satz: „Die Pantomime ist der Versuch und die Möglichkeit, die Konflikte und Träume unseres Lebens in ihrer körperlichen Gebundenheit, ihrer direkten sinnlichen und sinnhaften Erfahrung, isoliert im Spiel, rein und ohne die Kulissen und Requisiten der Welt noch einmal zu erleben, als Keimzellen unseres Bewusstseins. Wir glauben, ihre Möglichkeiten sind noch lange nicht erschöpft.“

Diese implizite Aufforderung halten wir hoch! ...zum Weiterschaffen, Weiterexperimentieren und Erspielen von neuen Welten! Die ihm nachfolgenden Studiengangsleiter, die selbst seine Schüler gewesen sind, fühlen sich – bei allen vorgenommenen progressiven Neuerungen des Fachs – diesem Geiste tief verbunden und verpflichtet und sind Günter Titt in großem Dank verbunden, so „entflammt“ worden zu sein.

Folkwang und seine Physicals trauern um diesen warmherzigen Menschen und großartigen Lehrmeister.

_Prof. Thomas Stich | Studiengangsleiter Physical Theatre


Prof. em. mim. Peter Siefert | ehem. Studiengangsleiter Physical Theatre & Prof. Thomas Stich | Studiengangsleiter Physical Theatre / 16. Juni 2017

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